Ehrlich und hilfreich

Josef Steiner

Bei einem Projekt Schwierigkeiten nicht verschweigen und zugleich Hilfe anbieten, ist kluge Pädagogik. Wer nimmt mir die Angst vor nächsten Schritten?

Das sagte Jesus, um anzudeuten, durch welchen Tod er Gott verherrlichen werde. Nach diesen Worten sagte er zu ihm: Folge mir nach!

Joh 21,19

Wie in jeder spirituellen Bewegung wurde auch im Chassidismus darum gerungen, auf welchem Weg der Mensch zur Tiefe finde – die jüdischen Lehrer nannten es „Anhaften an Gott“, Gott verherrlichen. Durch das Gebet? Durch intensive Beschäftigung mit der Bibel? Leben mit den Armen? Enthaltsamkeit, Fasten und Bußübungen? Martin Buber hat in seinen chassidischen Erzählungen eine lehrreiche Szene festgehalten. Am Rande einer Stadt, in einem einsamen Wald, abgeschieden von den Menschen, lebte ein frommer und gelehrter Mann, streng fastend und sich freiwillig körperlich züchtigend. Als Rabbi Ahron von Karlin von ihm hörte, zog er in dessen Stadt und predigte so lange, bis auch der Fromme erschien. In seiner Gegenwart sagte der Rabbi statt einer Predigt nur den einen Satz: „Wenn einer nicht besser wird, wird er böser.“ „Wie ein Gift“ – so Martin Buber -, „das den Grund des Lebens gegen sich selber erregt, drangen die Worte in den Sinn des Asketen. Er lief zu Rabbi Ahron und bat ihn, dass er ihm aus dem Irrbau, in den er geraten war, heraushelfe.“ Dieser schickte ihn dann mit einem Empfehlungsschreiben, von dem der Asket meinte, dass in ihm seine Größe und Besonderheit festgehalten seien, zu seinem Lehrer, dem Maggid von Mesritsch. Der las dem Mann den Brief laut vor, in dem geschrieben stand, dass an dem Mann, der den Brief überbringe, kein heiles Fleckchen sei. Da brach der Asket in Tränen aus und bat: „So heilet mich!“ Ein ganzes Jahr lang gab sich der Lehrer mit ihm ab und heilte ihn. Aus dem in sich selbst gefangenen Einsiedler wurde der große lehrende Rabbi Chajke. Eine ehrliche Analyse und eine hilfreiche Therapie hatten Wirkung gezeigt.

Jesus hat Petrus eine harte Schule der Liebe zugemutet. Es war eine der schockierendsten Augenblicke für den Jünger, als Jesus in Caesarea Philippi auf seinen Einwand hin, Gott möge sie doch vor Konflikten und Leiden verschonen, zu ihm sagte: Verschwinde, hinter mich, Satan, du Hinderer! Schritt für Schritt musste Petrus lernen, dass auch Leiden, Hingabe und Sterben zum messianischen Weg Jesu gehören, dass sein Tod am Kreuz in den Augen Gottes kein Fluch, sondern ein Segen ist. Auf dem Weg über das Kreuz der Römer kam der Hirte Jesus zu den Völkern, um auch sie auf die biblische Weide zu führen. Diesen neuen Schritt in die Welt der Völker soll jetzt Petrus  als guter Hirte ebenso wagen. Der Auferstandene verschweigt ihm nicht, dass es für ihn nicht leicht sein wird, denn der Schüler steht nicht über dem Lehrer. Jesu einladendes Wort „Folge mir! Begleite mich!“ signalisiert Petrus, dass Jesus ihm vorausgeht, ihn stärken und leiten wird. Eine Zusage, die später zur Legende der Kreuzigung Petrus geführt hat. Ein Martyrium der Treue und Liebe, zum Unterschied von seinem Meister auf eigenen Wunsch mit dem Kopf nach unten.

Bei einem Projekt Schwierigkeiten nicht verschweigen und zugleich Hilfe anbieten, ist kluge Pädagogik. Wer nimmt mir die Angst vor dem nächsten Schritt?