Ehrfurcht und Scheu

Josef Steiner

Welche Grundhaltung bestimmt mein Verhältnis zu Gott? Wie begegne ich Menschen?

Er antwortete: Ich habe deine Schritte gehört im Garten, da geriet ich in Furcht, weil ich nackt bin, und versteckte mich.

Gen 3,10

Der Gott der Bibel ist ein guter und vorbildlicher Pädagoge. Zuerst hat er den Menschen durch ein Verbot dazu verleitet, die Früchte vom Baum der Erkenntnis zu verkosten, um dadurch den Schritt aus der paradiesischen Existenz als Kind hin zum Erwachsenwerden tun zu können. Ein Wandlungsprozess, körperlich sichtbar an der Entwicklung der aufbrechenden Sexualität. Der Mensch soll lernen, Verantwortung dafür zu übernehmen, was ihm gut tut und was ihm schadet, was sein Leben reicher und schöner macht und was ärmer und armseliger. Vor solchen auf ihn zukommenden Herausforderungen erschrickt der Mensch, so das Bild der Bibel. Er meidet jetzt den Kontakt mit Gott und entzieht sich seinen Blicken, er versteckt sich. Die bisher vertraute und gelöste Kommunikation mit Gott, in der auch kindliche Nacktheit kein Thema und kein Hindernis war, ist abgebrochen. Gott aber ist auf der Suche nach den für seinen paradiesischen Garten Verantwortlichen, den zu genießen und zu pflegen er ihnen aufgetragen hat. Wo sind sie jetzt? Warum sind sie nicht auf ihrem Posten? Gott geht dem Menschen nach und stellt ihm die besorgte Frage: Mensch, wo bist du? Warum und wohin hast du dich verborgen?

Gott sei Dank gibt der Mensch der Bibel eine ehrliche Antwort. Das Erste, was ihm aufgeht, nachdem er die Frucht vom Baum der Erkenntnis gekostet hat, ist der große Unterschied zwischen Schöpfer und Geschöpf. Hier: der Erbauer und Schaffer einer wunderbaren Natur und eines fruchtbaren Lebensraumes, da: ein nacktes Wesen mit begrenzten Kräften und auf Hilfe angewiesen. Der Mensch reagiert mit Scheu, Ehrfurcht, Demut, mit Furcht, er wird zu einem Gottesfürchtigen. Einer, der die Größe Gottes erahnt und die eigene Verfasstheit in ihrer Zerbrechlichkeit und Begrenztheit annimmt. Leider haben eine verquere Pädagogik und eine unbiblische Verkündigung aus dieser sympathischen menschlichen Grundtugend Gott gegenüber ein Zerrbild von Gott gezimmert. Ein Gott, der Furcht einjagt, einer, der Angst macht. So wurde unglücklicherweise der zu fürchtende Gott zum Kennzeichen eines im Alten Testament wurzelnden Glaubens, dem der zu liebende Gott im Neuen Testament gegenüber steht. Was für ein Missverständnis!

Martin Buber hat in seinen Chassidischen Erzählungen eine schöne Szene zu diesem Thema festgehalten. Zwei Brüder, Rabbi Sussja und Rebbi Elimelech, diskutieren, wie man zu einer solchen Gott und dem Menschen gerecht werdenden Grundhaltung kommt. Elimelech sagt: „Der Mensch soll erst die Größe des Schöpfers betrachten, dann wird er zu der rechten Demut kommen.“ Sussja aber spricht: „Nicht so, sondern damit beginne der Mensch, wahrhaft demütig zu sein, dann wird die Erkenntnis des Schöpfers über ihn geraten.“ Sie fragen ihren Lehrer, wer jetzt Recht habe. Der entscheidet: „Diese und diese sind Worte des lebendigen Gottes. Aber die innere Gnade ist dessen, der mit sich beginnt und nicht mit dem Schöpfer.“