Ecce homo – hinschauen, nicht wegschauen

Josef Steiner

Auch dem Gequälten, Gedemütigten, Gefolterten ist die Würde des Menschen nicht zu nehmen.

Jesus kam heraus; er trug die Dornenkrone und den purpurroten Mantel. Pilatus sagte zu ihnen: Seht, das ist der Mensch!

Joh 19,5

Am Königsplatz in München steht ein neues, durch seine Architektur ins Auge springendes Haus. Schlicht, einfach, quaderförmig gebaut, vier Stockwerke hoch, die großflächigen Wände durch eine Reihe schmaler und hoher Fenster unterbrochen. Das Haus erweckt von außen den Eindruck, dass in ihm etwas geschützt, aufbewahrt, zusammengehalten wird. Was das ist, sagt die Aufschrift über dem Eingang: NS-Dokumentationszentrum München. Siebzig Jahre nach dem Ende der nationalsozialistischen Terrorherrschaft haben die Verantwortlichen der Stadt München einen Ort des Lernens und der Erinnerung geschaffen, eine besondere „Sehschule“, die auf eine schwierige Phase der Geschichte der Stadt hin- und nicht wegschaut.

Der Eintritt durch eine schwer bewegliche Drehtür lässt körperlich spüren, es wird kein leichter Gang. Wenige Wartende an der Ausgabestelle der Eintrittskarten machen deutlich: Noch ist das Haus kein Publikumsmagnet. Die Stille hier sammelt, schärft das Auge. Denn das ist gefragt auf diesem über vier Stockwerke sich erstreckenden Weg. Hier wird gezeigt, wie eine rassistische Ideologie in ein verbrecherisches System gegossen wird, das ein Menschenbild durchsetzt, in dem alles Fremde, Andersartige erfasst, isoliert und schließlich ausgemerzt wird. Verdichtet im Programm: Der edle Germanenspross gegen den artfremden Juden. Nicht Bilder des Grauens – sie gibt es auch – bestimmen die Ausstellung; erschreckend aber ist, wie viele Menschen – Juristen, Ärzte, Wirtschaftsleute, Kirchenmänner, Beamte, Denunzianten, Spione – diesem System gedient haben. Und daneben Bilder, Momentaufnahmen, die etwas andeuten, zum Verständnis helfen, über die Person Hitlers, über das Lebensgefühl im Alltag. Zum Beispiel: Wie dieser Scharlatan Hitler im Fotostudio Posen der Redekunst einübt und sein Leibfotograf später in der Verhandlung unschuldig die Hände hebt und versichert, dass er nur der Kunst und Ästhetik verpflichtet gewesen sei. Oder wie von zwei Rad fahrenden Frauen, verpflichtet, am Denkmal der „Märtyrer“ des Putsches von 1923 den Hitlergruß zu entbieten, die eine unsicher kurz die rechte Hand von der Lenkstange hebt und die andere die ihre selbstbewusst emporreckt. München zeigt mit diesem Zeugnis der Wahrheit, dass es als „Weltstadt mit Herz“ auch eine „Hauptstadt der Bewegung“ war.

Was ist Wahrheit, hat Pilatus Jesus gefragt. Jetzt kommt sie zum Vorschein. Die Wahrheit über den Juden Jesus, wie er aus der Behandlung durch die römische Gerichtsbarkeit kommt. Ein gedemütigter, gequälter, verspotteter Mensch. Es ist die Wahrheit über all jene Menschen, die  durch die Mühlen von Ausgrenzung, Folterungen, Machtspielen gehen müssen. Aber Pilatus sagt mit seinem „Ecce homo“ noch etwas anderes. Er bezeugt unbewusst die biblische Sicht des Menschen, dass auch dem Gequälten, Gedemütigten, Gefolterten die Würde nicht zu nehmen ist und dass es ihm mit Achtung und Anteilnahme zu begegnen gilt.