Dynamik der Entfeindungsliebe

Georg Sporschill SJ

Wo beginnt eine Feindschaft zu bröckeln, ein hartes Herz weich zu werden? Wo überwindet Phantasie eine Mauer der Ablehnung?

Ein Gefäß mit Essig stand da. Sie steckten einen Schwamm mit Essig auf einen Ysopzweig und hielten ihn an seinen Mund.
Joh 19,29

Plötzlich krachte die Tür auf, und ein junger Mann platzte in die Kapelle, atemlos und verschwitzt. Wir waren gerade beim Morgengebet versammelt, und ich deutete ihm, sich neben mich zu setzen. Unruhig blieb er an der Türe stehen und stammelte nur: „Wo ist Pater Georg?“ Während die anderen das Vaterunser anstimmten, ging ich mit ihm hinaus. Der junge Mann war aus der Romasiedlung am Dorfrand zu uns gerannt. Jetzt brach er in Tränen aus: „Mein Vater hat sich heute Nacht erhängt.“ Wir setzten uns auf die Bank vor dem Haus. „Jetzt war ich beim Pfarrer im Dorf, er sagt, die orthodoxe Kirche verbietet ihm, meinen Vater zu beerdigen. Ein Selbstmörder ist ein Sünder. Aber mein Vater war krank. Er war kein Sünder, er war ein guter Mensch. Der Pfarrer hat mir gesagt, ich soll zu dir kommen, weil die Katholischen ihn beerdigen dürfen.“ Ich versprach, dass ich mit dem Pfarrer reden würde. Tatsächlich bestätigte er mir, dass er nicht die üblichen Riten vornehmen könne. Ich solle die Beerdigung übernehmen. Mit unseren Jugendlichen gingen wir zur Familie. Alle waren um den offenen Sarg versammelt, sprachlos. Neben den Kopf des Vaters hatten sie eine Schachtel Marlboro und Spielkarten gelegt. Wir stimmten ein Lied an und beteten, dann begannen auch die Söhne zu reden. Sie baten ihn um Verzeihung, dankten ihm, weil er so gut mit ihnen gewesen war, weinten und fanden Trost. Am Nachmittag war die Beerdigung. Unsere Burschen schaufelten das Grab aus. Das machen sonst die Dorfbewohner miteinander– heute war keiner da. Wir begleiteten die Familie mit dem Sarg zum Friedhof. Dort erwartete uns der orthodoxe Pfarrer! Gemeinsam gaben wir dem Selbstmörder die letzte Ehre.

Das Kirchenrecht hatte eine Mauer gegen die Menschlichkeit errichtet. Der orthodoxe Pfarrer aber hatte diese Mauer überwunden. Wie die römischen Soldaten, als Jesus am Kreuz klagte: „Meine Kraft ist vertrocknet wie ein Scherbe, die Zunge klebt mir am Gaumen, du legst mich in den Staub des Todes.“ (Ps 22,16). Die römischen Soldaten milderten den Durst des Sterbenden mit dem Erfrischungsgetränk der Feldarbeiter und Soldaten: Sie tränkten einen Schwamm mit Weinessig, mit Wasser verdünnt, und reichten ihn dem Gekreuzigten auf einem Ysopzweig hinauf.

Dieses Liebeszeichen der Feinde zeigt, dass die „Entfeindungsliebe“ Jesu, wie Pinchas Lapide es formuliert, eine Antwort findet bei den Soldaten, die ihn im Auftrag der römischen Militärmacht kreuzigen. Der sterbende Jesus weicht die harten Herzen der Feinde auf und bringt sie zu einem Hauch von Mitleid. Die Mission Jesu, den Völkern, den Römern den Weg der Liebe zu öffnen, erfüllt sich in seinem Todeskampf. Mein orthodoxer Bruder hat kirchliches Unrecht überwunden, dazu den Graben zwischen den Kirchen. Er ließ sich vom verzweifelten Vater und der Not der Familie berühren.

Wo beginnt eine Feindschaft zu bröckeln, ein hartes Herz weich zu werden? Wo überwindet Phantasie eine Mauer der Ablehnung?