Dura Europos und Mar Musa

Dominik Markl SJ

Syriens Reichtum war seit jeher das Miteinander der Religionen. Was können wir für Syrien tun?
Dann wird euch der Vater alles geben, um was ihr ihn in meinem Namen bittet.
Johannes 15,16

Von den wundervollen Städten Damaskus und Aleppo führte uns die Studienreise im damals noch friedlichen Syrien zur antiken Ruinenstadt Palmyra und in das am Ufer des Euphrat gelegene Dura Europos. Die Stadt war um 300 v.Chr. gegründet und im dritten nachchristlichen Jahrhundert verlassen worden; als ein „‚Pompeji des Ostens“ blieb sie im Wüstensand erhalten. Zuletzt hatte sie mehrere Religionen beheimatet. Neben griechischen Tempeln gab es etwa ein Mithräum, eine christliche Hauskirche und eine Synagoge. In ihr ist uns ein einmaliger biblischer Gemäldezyklus mit Gestalten wie David, Ezechiel oder Ester erhalten. Besonders reich entfaltet ist die Geschichte des Mose. In lebendigen Farben sehen wir, wie er als Baby von der badenden Tochter des Pharao aus dem Nil gerettet wird, wie er als junger Mann am brennenden Dornbusch seine Berufung erhält und schließlich das Volk Israel durch das Rote Meer führt, während mächtige Hände aus dem Himmel ragen, um das Meer zu spalten.

Die Synagoge machte uns neugierig, warum Mose im Judentum eine so zentrale Bedeutung hat. Nicht nur, weil sich mit ihm die berühmte Geschichte des Auszugs aus Ägypten verbindet oder weil er Israel das göttliche Gesetz vom Sinai vermittelt, sondern auch, weil er sein Leben für das Volk eingesetzt hat. Nachdem Israel am Sinai das Goldene Kalb angebetet hat, so erzählt das Buch Exodus, entbrennt Gottes Zorn. Er will das Volk vernichten und stattdessen Mose zum Vater einer großen Nation machen. Mose aber macht sich für Israel stark, verzichtet auf seinen eigenen Vorteil und verhandelt so lange mit Gott, bis dieser sich wieder mit dem Volk versöhnt. Das Johannesevangelium zeigt Jesus in den Fußstapfen des Mose. Er setzt sein Leben für seine Freunde aufs Spiel und betet für sie. Darüber hinaus aber beauftragt er sie, weiterhin in seinem Namen zu beten und sich so bei Gott für andere einzusetzen.

Von Dura Europos führte uns die Reise zurück in die felsige Wüste im Zentrum von Syrien, nach Mar Musa. Bei dem dortigen römischen Grenzturm soll der heilige Mose von Äthiopien in der Spätantike eine Einsiedelei gegründet haben, die sich über Jahrhunderte als Kloster entwickelte, das dann aber ab dem 17. Jahrhundert verlassen war. In den vergangenen Jahrzehnten baute der italienische Jesuitenpater Paolo Dall’Oglio das verfallende Kloster wieder auf und gründete dort eine ökumenische Gemeinschaft, die neben den mönchischen Tugenden von Gebet und Arbeit die arabischen Sitten von Gastfreundschaft (Dayafa) und Dialog (Hiwar) pflegt. Wie im antiken Dura Europos wird im kleinen Kloster Mar Musa symbolisch die friedliche Gemeinschaft der Religionen gelebt. Pater Dall’Oglio wurde im Juli letzten Jahres entführt. Erst in den vergangenen Wochen sind Hinweise bekannt geworden, er sei noch am Leben. Jihad, ein befreundeter Mönch aus Mar Musa, schreibt in seinem E-Mail: „Pray for my country and for my people.“ Tausende Kinder mussten schon ihr Leben lassen – wer könnte angesichts dessen kalt bleiben? Was können wir für Syrien tun?