Duftnoten

Josef Steiner

Die Atmosphäre in einer Gruppe, in einem Haus, in einer Stadt kann man riechen. Wo gelingt es mir, für gute Luft zu sorgen? Wer verbreitet Wohlgeruch?

Sie nahmen den Leichnam Jesu und umwickelten ihn mit Leinenbinden, zusammen mit den wohlriechenden Salben.
Joh 19,40

Ein Sarg, mitten im Wohnzimmer eines bescheidenen Reihenhäuschens in einem abgelegenen Dorf im Nordosten Englands. Es ist August, heiß und schwül. Die Fenster abgedeckt. Im Raum ein eigenartiger Geruch, eher unangenehm, pelzig, faulig. Nur kurz verweilen die Trauergäste vor dem Sarg. Sie fliehen förmlich vor dem Geruch des Todes, der körperlich schmerzhaft fühlen lässt, dass er in diesem Haus innerhalb zweier Jahre drei junge Menschen zu Vollwaisen gemacht hat. Es ist für alle eine Befreiung, als die Leichenbestatter mit stoischer und ernster Miene den Sarg aus dem Haus in die nahegelegene Kirche tragen.

Dort geschieht eine Veränderung, eine Verwandlung. Der Todesgeruch verbreitende Sarg wird in Weihrauchwolken eingehüllt. Mit ihnen steigen tröstende Worte, bittende Gebete, sehnsuchtsvolle Lieder und Gesänge zum Himmel und füllen den Kirchenraum. Die zweiundzwanzigjährige Tochter lässt in einer ergreifenden Predigt die Tote im Sarg auferstehen als faszinierende Frau und Mutter. Verheiratet mit einem ehemaligen katholischen Priester, führte sie ihr Lebensweg mit drei Kindern durch drei Kontinente, von Afrika über Asien nach Europa. Immer dem Leben dienend als Krankenschwester, Hebamme und bis zu ihrer schweren Erkrankung als Altenpflegerin. Stark und belastbar, selbst die Eskapaden der pubertierenden Söhne bis hin zu strafwürdigen Taten solidarisch tragend und für die Buben kämpfend. Über die Familie hinaus im politischen und kirchlichen Leben engagiert, Anwältin für ein gerechtes und friedliches Miteinander, fern von jedem ideologischen Fanatismus. Mit einem von der gesamten Trauergemeinde lautstark gesungenen „Amazing Grace“ wurde der Sarg zu dem in einem Waldstück verborgenen Friedhof gebracht. Und als am Abend in einer Kneipe viele der trauernden Jugendlichen vor dem Fernseher das Lokalderby Sunderland gegen Newcastle verfolgten – diesmal nicht wie üblich in Fantrikots gekleidet, ohne Alkohol und grölende Gesänge –, wurde endgültig der Todesgeruch des Tages von einer leichten, erfrischenden Lebensbrise überlagert.

Joseph von Arimathäa und Nikodemus vollziehen den biblischen Brauch, den Geruch des Todes durch aromatische Grabbeigaben zu verwandeln. Den Tod eines Menschen nicht als endgültigen Zustand der Verwesung, sondern als Verwandlung und Hoffnung zu sehen. Mit einem Tuch, eingetaucht in eine desinfizierende, würzige, ölige Duftsalbe, hergestellt aus den zerstampften Harzkörnern der Myrrhe und aus den fleischigen Blättern der Aloe, umwickeln sie den Leichnam Jesu. So kleiden sie den Tod Jesu in ein Hoffnungsgewand, eine Hoffnung, die sich aus ihren Begegnungen mit dem irdischen Jesus speist. In seiner Nähe roch es immer nach Leben. Die Atmosphäre in einer Gruppe, in einem Haus, in einer Stadt kann man riechen. Wo gelingt es mir, für gute Luft zu sorgen? Wer verbreitet Wohlgeruch? In wessen Nähe duftet es nach Leben?