„Du bist im Anfang“: die Botschaft der Sozialarbeit

Ruth Zenkert

In dunklen Momenten ist es entscheidend, nach dem neuen Schritt zu suchen.

Im Anfang erschuf Gott Himmel und Erde.

Gen 1,1

„Kommt doch herein, auf ein Glas Saft!“, rief uns Stanuz nach. Sonst war ich an seinem Haus immer schnell vorbeigegangen, weil ich mich nicht ärgern wollte. Wir hatten es für seine Familie gebaut, ihm hatten wir einen Arbeitsplatz in der Baufirma verschafft. Zunächst war er fleißig und sorgte für seine Familie. Ich war stolz auf ihn. Doch seit Neuestem fehlte er immer öfter bei der Arbeit, holte sich einen Vorschuss, war verschwunden. Tauchte wieder auf, bekam eine neue Chance in der Firma. Dann kam eine Nacht mit Freunden und Alkohol, die mit einer fürchterlichen Schlägerei endete und bei ihm mit einem gebrochenen Bein. Wieder konnte er wochenlang nicht arbeiten, und die Familie brauchte Geld. Die zwei Großen hatte ich auch aufgegeben. Beatrice war eine gute Geigenschülerin, aber sie kam einfach nicht mehr. Wir versuchten sie für die Haushaltsschule zu gewinnen, nach kurzer Zeit war auch da Schluss. Alex ist ebenfalls begabt, doch Akkordeon und Trommeln hatte er an den Nagel gehängt. Ich war mit meiner Phantasie am Ende.

Und nun kam die überraschende Einladung des Vaters, die wir nicht abschlagen konnten. Im Hof brutzelten Würste auf dem Grill, drinnen saßen viele Leute, festlich gekleidet, unter ihnen der orthodoxe Pfarrer mit Frau. Sie feierten die Taufe des Jüngsten, David. Die Patin hatte das Festkind auf dem Schoß. Die Männer bekamen Bier, Frauen tranken Saft. Wir konnten gar nicht alles essen, manches Würstchen landete unterm Tisch für den Hund, der freudig mit dem Schwanz wedelte. Stanuz war glücklich, er nahm David auf den Arm und tanzte. Dann setzte er sich zu uns und schenkte sich Saft ein. „Saft?“, fragte ich. „Ja, seit dem gebrochenen Fuß trinke ich keinen Tropfen mehr. Das kann ich meiner Familie nicht mehr antun. Und noch einmal wird mich der Chef nicht wieder aufnehmen nach so einer Geschichte.“ Seine Frau sah ihn verliebt an und nickte heftig. Das hieß: Wir auch nicht. Im anderen Raum saßen Beatrice und Alex mit ihren Freunden. Und was ist mit den beiden?, wollten wir wissen. „Beatrice hat einen Partner, sie wird bald heiraten. Aber Alex sollte arbeiten, er ist jetzt fertig mit der Schule. Kann er in eure Lehrwerkstatt kommen?“ Alles schien uns erstaunlich und unfassbar, selbst das Haus war sauber und aufgeräumt. Alex, komm morgen in die Tischlerei! Und vielleicht sollte ich die beiden auch fragen, ob sie nicht doch wieder in die Musikschule kommen möchten.

Mein Mut war wieder da, wie am Anfang. Das lässt mich an den Beginn der Bibel denken: Im Anfang erschuf Gott Himmel und Erde; das bedeutet, dass der Anfang etwas Bleibendes ist. Die Schöpfungskraft fließt weiter. Wir sind nie am Ende, sondern immer „im Anfang“, wir haben immer neue Möglichkeiten. Mit Stanuz und seiner Familie habe ich mich durch seine Einladung auf ein Glas Saft plötzlich im Anfang wiedergefunden und gespürt, wie Gott Neues schafft. Auch mit uns als seinen MitarbeiterInnen. „Du bist im Anfang“ ist für mich die Botschaft der Sozialarbeit, die oft mit Menschen zu tun hat, die glauben, „am Ende“ zu sein. In dunklen Momenten ist es entscheidend, nach dem neuen Schritt zu suchen.