Du bist das Licht der Welt

Ruth Zenkert

Für wen kann ich das Leben heller machen, wer macht mein Leben hell?

Gott sprach: Es werde Licht. Und es wurde Licht.

Gen 1,3

Ein junger Mann in elegantem Anzug steht am Waldrand und spielt auf dem Horn eine Melodie aus Bizets „Carmen“. Das Sonnenlicht wirft den Schatten des Instruments auf sein weißes Hemd, so dass auch auf diesem ein Horn zu sehen ist. Catalin war ein Straßenkind. Seine Mutter stand mit vielen Kindern allein da, sie konnte ihm nichts zu essen geben und hatte keinen Platz. So wuchs Catalin bei uns im Kinderhaus auf. Und nun singt er nach dem klassischen Stück noch mit Robert, seinem Freund aus dem Kinderhaus, Roma-Lieder.

Die beiden sind nicht allein. An diesem Tag wurde in Schönbach im Waldviertel die „Via Lucis“ eingeweiht. Dieser Lichtweg führt vom Ortsrand aus hinauf auf einen Hügel. Wie ein Kreuzweg hat er vierzehn Stationen; er setzt da an, wo der Kreuzweg endet. Die erste Station heißt „Auferstehung“. Oben am Hügel soll der abschließende „Pfingstkreis“ dem Besucher die Kraft geben, mit den Gedanken, die ihn unterwegs erhellt haben, in die Welt hinaus zu gehen und guten Geist auszustrahlen. Jede Station deutet ein biblisches Thema, das von Künstlern gestaltet wurde. Und alle Stationen sind sozialen Organisationen gewidmet. So begleiten Waisenkinder, Arbeitslose, Straßenkinder, Kranke und ihre Helfer die Lichtweg-Gehenden. Mich hat besonders die Station „Das leere Grab“ beeindruckt: Ein aufgestellter Quader, ohne Wände, am Boden eine Betonplatte mit Fußabdrücken, sie lädt ein, hineinzutreten. Selbstverständlich richte ich den Blick nach oben. Dort ist ein Spiegel – ich sehe mich selbst! Und ich höre das Wort Jesu: „Du bist das Licht der Welt.“

Am Tag der Einweihung gingen wir von Station zu Station. Eine Gruppe von Saxophonisten entführte uns mit einer zarten Melodie in die Fragen des Herzens. Die Belastungen des Alltags schienen abzufallen, mit jedem Schritt, an jeder Station spürte ich, wie Licht in meine Seele drang. Oben angekommen, gelangten wir zum „Pfingstkreis“, einem gepflasterten Platz, in den es alle hineinzog. Hier hatten Catalin und Robert musiziert. Zwei Roma-Jugendliche, Kinder von der Straße, die den Weg aus der Dunkelheit zum Licht gegangen sind. Sie haben gekämpft, gelernt, studiert. Catalin ist Hornist geworden, Robert macht Karriere in einem österreichischen Unternehmen. Jetzt strahlen sie und arbeiten mit, damit die Welt heller wird.

„Gott sprach: Es werde Licht. Und es wurde Licht.“ Nachdem Gott Himmel und Erde geschaffen hat, ist seine zweite Großtat die Erschaffung des Lichts. Ihm ist wichtig, dass die Dunkelheit überwunden wird. „Du hüllst dich in Licht wie in einen Mantel“ (Ps 104,2): ein Bild für Gott. Mit ihm sind wir eingehüllt in den Mantel des Lichts und können es weitergeben. Die sozialen Werke, auf dem Lichtweg Station für Station, bringen Menschen, die im Dunkel sind, ans Licht. Die Welt ist hell, wo wir einander helfen, wo Flüchtlinge aufgenommen werden, wo wir Freude ausstrahlen, unsere Begabung für andere einsetzen. Wer Leben aufbaut und rettet, arbeitet als Partner Gottes mit an der Schöpfung, jeden Tag.

Für wen kann ich das Leben heller machen, wer macht mein Leben hell?