Donau, Rhein, Inn, Isar…

Josef Steiner

Mit welchem Fluss verbinde ich besondere Erlebnisse?

Der Name des dritten Stromes ist Tigris; er ist es, der östlich von Assur vorbeifließt. Der vierte Strom ist der Eufrat.
Gen 2,14

Uns fiel es zunächst gar nicht auf. Aber Sommergäste – wir nannten sie „die Fremden“ –, die in den sehr einfachen Zimmern eines alten Bauernhauses Erholung suchten, machten uns darauf aufmerksam. Nach der ersten Nacht waren alle von der Abgeschiedenheit des Hofes und von der frischen Bergluft begeistert; nur an das Rauschen des Wassers während der Nacht müssten sie sich noch gewöhnen. Sie meinten das kleine Bächlein neben dem Haus, das ein Mühlrad betrieb, und den etwas tiefer gelegenen größeren Dorfbach. Mit beiden wuchsen wir auf. Das kleine Bächlein war für uns Kinder ein beliebter Spielplatz. Wir errichteten Stauseen und ließen darin papierene Schiffchen schwimmen, gestalteten Wasserfälle und Stromschnellen – alles in kleinster Ausführung! Wir wateten darin, wuschen unsere schmutzigen Füße und kühlten mit dem eiskalten Wasser unsere erhitzten Körper. Das kleine Bächlein war für uns mit seinem Tag und Nacht gleichbleibenden Plätschern eine begleitende Grundmelodie unseres Lebens. Beruhigend, entspannend, wunderbar zum Ausruhen und zum Einschlafen. Anders der tiefer im Tal gelegene Dorfbach. Er war uns Kindern als Spielplatz verboten, denn er zeigte ein wechselhaftes Gesicht. Besonders während der Schneeschmelze und nach längeren Regenperioden schwoll er bedenklich an, wurde laut, brodelnd, bedrohlich. Seine Wasser stiegen und schwappten manchmal sogar über den den Hof schützenden Steinwall und nagten am Hang, an dem das Haus gebaut war. So vermittelten beide, Bächlein und Bach, uns Kindern bleibende Eindrücke der Wirkung von Flüssen – beruhigend und tröstend, aufwühlend und bedrohlich. Später, beim Wechsel in das ferne Internat und fremde Gymnasium nach Hall in Tirol, floss manch kindliche Träne aufsteigenden Heimwehs in den Inn. Als junger Student, mit einem Glas Rotwein auf Kaimauern in Paris sitzend, beruhigte der Blick in die Seine ungewohnte Stürme des Verliebtseins. Und die erste Grillnacht mit Freunden an der Isar eröffnete wunderbare Jahre in München, beruflich und privat. Flüsse als Lebensbegleiter.

Mit dem Fantasiebild des Paradieses als einer gepflegten Parkanlage, in der ein Strom, der sich dann in vier Hauptflüsse teilt, für die Bewässerung sorgt, macht die Bibel deutlich, dass der Lebensraum der Menschen an Flüsse gebunden ist. Sie sind das „Fruchtwasser“, aus dem jede menschliche Gemeinschaft, jede Kultur wächst. Für das Volk Israel sind das in besonderer Weise Eufrat und Tigris. In der beeindruckenden Familiensaga des Buches Genesis ist diese bleibende Quelle biblischen Glaubens niedergeschrieben und fest gehalten: dass aus dem Land, das beide Flüsse umschließen, Sarah und Abraham zu ihrem Abenteuer, ganz aus dem Vertrauen auf Gott zu leben, aufgebrochen sind. Als dann in großer Not für das Volk Israel das Zweistromland zum Exil und Gefängnis wird, erhebt der Prophet Ezechiel seine Stimme, um in die Herzen der an den Flüssen Babels Weinenden Kraft und Hoffnung auf Wandlung ihres Schicksals zu gießen.

Mit welchem Fluss verbinde ich besondere Erlebnisse?