Dinge, über die man nur in Bildern reden kann

Ruth Zenkert

Wo versagt die Logik? Welche Gleichnisse ließen mich etwas verstehen? Mit welchem Bild konnte ich jemanden gewinnen?

Dies habe ich in verhüllter Rede zu euch gesagt; es kommt die Stunde, in der ich nicht mehr in verhüllter Rede zu euch spreche, sondern euch offen den Vater verkünden werde.
Joh 16,25

„Wenn ich nein sage, heißt das nein!“, höre ich Traian ins Telefon brüllen. Anca drückt ihr Ohr fester an das uralte Mobilgerät. „Du gibst die Kinder nicht her! Was sollen die Leute im Dorf sagen? Dass wir uns nicht um unsere Familie kümmern? Das ist eine Schande! Pass auf, die werden die Kinder verkaufen. Wenn du sie hergibst, gehst du!“ Anca deutet mit dem Finger auf das Telefon und schaut hilflos zu mir: „Siehst du, ich darf nicht.“ Traian, ihr Mann, hütet tagaus, tagein oben am Hügel eine Schafherde. In einem Häuschen im Dorf lebt Anca mit den zehn Kindern. Traians Bruder wohnt bei ihr, um auf sie aufzupassen, manches Kind ist ihm wie aus dem Gesicht geschnitten. Damit die Kinder in die Schule gehen, weckt sie jeden Morgen einer unserer Mitarbeiter, wäscht sie mit mitgebrachtem Wasser und sorgt dafür, dass sie sauber angezogen sind. Dann begleitet er sie in die Schule. Nun hat uns die Lehrerin mitgeteilt, dass Paula erst wieder kommen darf, wenn sie eine ärztliche Bestätigung mitbringt, dass sie keine Läuse hat. Auch der kurzgeschorene Kopf, auf dem keine Laus sich mehr vergnügen könnte, überzeugte sie nicht. Da schlug ich Anca vor, dass die drei Kleinen bei uns wohnen sollten. Sie war sofort einverstanden und dankbar für die Entlastung. Auch die Kinder jubelten, als sie hörten, sie dürften zu uns. Doch dann kam Anca mit der Botschaft, Traian erlaube es nicht. Und ich habe eben am Telefon gehört, dass nichts zu machen ist. Da ergreife ich das Wort und sage: „Traian, das ist so wie bei deiner Herde. Du hast Schafe, und du hast Ziegen. Du bist der Hirte für beide. Sie gehören zusammen. So gehören auch wir zusammen, aus zwei wird eine Familie.“ Pause. Dann sagt er: „Ja. Das ist gut. Und bitte schickt mir Gummistiefel und eine warme Jacke hinauf, es ist eiskalt.“

Den Durchbruch brachte das Gleichnis, das der Hirte Traian verstand. In Gleichnissen – „verhüllter Rede“– spricht auch Jesus zu seinen Freunden, damit sie ihn verstehen können. Gleichnisse wurden häufig verwendet, um zur Erkenntnis zu finden. Durch ein Bild, eine Parabel wurde ein Gedanke kurz und körnig ausgedrückt. Von Salomo heißt es, er habe durch seine Gleichnisse die schwer verständliche Tora fassbar gemacht. Das biblische Buch der Sprichwörter beginnt: „Sprichwörter Salomos, …,um Weisheit zu lernen …, um Verständnis zu erlangen, Gerechtigkeit, Rechtssinn und Redlichkeit, …“ (Spr 1,1) Wie mit einer Sichel hieb er durch seine Sprichwörter einen Weg durch das Rohrdickicht, so dass nach ihm jeder darin ein und aus gehen konnte – so beschreiben die Rabbinen Salomo, den großen Gleichniserzähler.

Der Apostel Paulus schließt das Hohelied der Liebe ab mit dem Gedanken: „Jetzt sehen wir nur rätselhafte Umrisse, dann aber schauen wir von Angesicht zu Angesicht.“ (1 Kor 13,12) Liebe, Weisheit, Gerechtigkeit sind Dinge, über die man heute nur in Bildern reden kann, verhüllt und nicht logisch.