Dienstagnachmittag

Max Heine-Geldern SJ

Im Alltag erscheinen Wünsche oft unerfüllbar und werden leicht vergessen. Dann braucht es einen Anstoß von außen.

Da sagte der Jünger, den Jesus liebte, zu Petrus: Es ist der Herr! Als Simon Petrus hörte, dass es der Herr sei, gürtete er sich das Obergewand um, weil er nackt war, und sprang in den See.

Joh 21,7

Hans wartet. Es ist schön, wieder einmal warten zu können. Das hat Hans schon lange nicht mehr erlebt. Nicht, dass sein Leben so aufregend wäre, dass er keine Zeit zum Warten hätte. Nein, Hans mangelt es nicht an Zeit. Viele würden ihn um seine Zeit beneiden. Er hat davon so viel, dass er verlernt hat zu warten. Denn sein Alltag ist gut strukturiert. Alles läuft nach Plan. Er ist gut versorgt im Seniorenheim. Das Pflegepersonal kümmert sich liebevoll um ihn. Mit seinen mehr als 80 Jahren braucht er diese Hilfe.

Aber heute wartet Hans. Es ist Dienstagnachmittag. Er blickt aus dem Fenster, betrachtet die Nordkette und genießt die in ihm langsam aufsteigende Lebensenergie. Er weiß nämlich, dass in wenigen Minuten Tobi in sein Zimmer treten wird. Schon eine Ewigkeit hatte Hans keine Besucher mehr. Er hatte sich an seine Einsamkeit gewöhnt. Doch seit knapp einem halben Jahr kommt Tobi ihn jeden Dienstag besuchen. Dabei sind sie weder verwandt noch kannten sie sich von früher. Tobi könnte mit seinen 22 Jahren sein Enkel sein.

Wenn der Student auftaucht, wird der alte Mann von dessen jugendlicher Lebensfreude regelrecht angesteckt. Eine herrliche Mischung aus Respekt und Keckheit schwingt in Tobis ganzem Wesen. Kein Wunder, dass er sich kaum der vielen Freunde erwehren kann. Er erzählt gerne von ihnen, von der Rasselbande, die er in einem Jugendzentrum leitet, oder den gemeinsamen Reisen mit seiner Freundin. Manchmal bringt er auch einen Freund mit. Vor allem aber hört Tobi aufmerksam zu. Ihn interessiert die Lebensgeschichte von Hans. Und wenn es einmal nichts zu erzählen gibt, ist das beiden auch nicht unangenehm. Sie genießen gemeinsam die Stille. Es ehrt Hans, dass sich Tobi neben all seinem Programm jeden Dienstag für ihn Zeit nimmt.

Tobi spürte schon seit langem den Wunsch, ältere Menschen zu besuchen. Er wollte ihre Lebensgeschichten erfahren. Aber die Überwindung, einfach auf Fremde zuzugehen, war ihm doch zu groß. Auch kannte er niemanden aus seinem Freundeskreis, der ihn dabei unterstützen hätte können. So trat diese Sehnsucht in seinem Studentenalltag leise in den Hintergrund. Erst mit seinem Einzug in die „Spirituelle Wohngemeinschaft“ der Studentenpfarre änderte sich das. Zu diesem Programm, das die Jesuiten organisieren, gehört ein wöchentlicher sozialer Einsatz. Er wurde für Tobi zur wichtigsten geistlichen Schule in seinem Jahr in der Wohngemeinschaft. Ähnlich wie Petrus brauchte er einen Anstoß, um seiner verborgenen Sehnsucht wieder Raum zu geben. Er musste erst hören, dass jemand auf ihn wartete, um den Sprung ins kalte Wasser zu wagen.

Und so will Tobi selbst heute, nach abgeschlossenem Bachelorstudium und mit einem noch volleren Kalender, die Zeit mit seinem erfahrenen Freund nicht missen. Der Dienstagnachmittag gehört Hans.