Die Zuwendung wurde zu viel

Ruth Zenkert

Grenzen zeigen, wie beschenkt du bist.

Da sprach der HERR: Mein Geist soll nicht für immer im Menschen bleiben, weil er auch Fleisch ist; daher soll seine Lebenszeit hundertzwanzig Jahre betragen.
Gen 6,3

 

„Nichts habt ihr für uns getan. Nur für die anderen, die haben alle ein Haus bekommen. Und wir – werden zum Narren gehalten!“ Anca schaut mich vorwurfsvoll an, ihre dunklen Augen glühen vor Zorn. Den Jüngsten trägt sie auf dem Arm, drei Kinder springen um sie herum. Anca ist zu uns gekommen, um ihre Tochter Paula abzuholen, die bei uns aufgenommen ist. Die Zwölfjährige hat in den letzten Monaten fleißig gelernt und das Schuljahr bestanden. Auch in der Hausgemeinschaft hat sie sich wohlgefühlt. Es war eine wunderbare Zeit, in der ich dachte, sie würde der Mutter nie mehr zurück ins Elend folgen. Nun lehnt sie an der Hausmauer und fingert nervös an einem alten Handy herum. Anca trägt ein T-Shirt unserer Musikschule, auch die Kinder sind alle vom Sozialzentrum eingekleidet. Wir waschen ihre Kleider, sie werden geduscht, sie essen zweimal am Tag in der Kantine. Wir kämpfen, dass sie in die Schule gehen und helfen beim Lernen. Zwei der großen Buben sind im Lehrbauernhof und bekommen schon ein wenig Geld. Anca arbeitet in der Bäckerei mit und verdient sich ihr Brot. In ihrem heruntergekommenen Haus – ein Raum für zwölf Leute – wurde aufgeräumt, Dach und Fenster wurden repariert, der Boden gemacht, neue Betten, ein Ofen und ein Schrank gebracht, ein Stall für das Schwein errichtet. Sieben Jahre haben wir uns um sie bemüht. Und jetzt will Anca noch mehr. „Nichts? Nichts haben wir für euch getan?“, frage ich sie.

„Wenn ihr uns ein Haus baut, dann bringe ich Paula zurück, und die Kleinen kommen wieder ins Sozialzentrum. Aber jetzt muss Paula nach Hause. Und in die Schule werden sie alle nicht mehr gehen, solange ihr nichts für uns macht.“ Ich schaue fragend zu Paula, sie weicht aus. So oft sagte sie voll Freude, wie glücklich sie bei uns ist. Sie war meine große Hoffnung, und jetzt – ist sie wie verhext. Ich weiß nicht mehr weiter und schicke sie nach Hause. Paula geht grußlos hinter ihrer Mutter her.

Neulich bin ich Paula auf der Straße begegnet. Sie ist gepflegt, die Kleider strotzen nicht vor Dreck, wie es früher war. Aber sie schaut müde und bleich aus. „Ich habe zuhause aufgeräumt, und gewaschen“, erzählte sie. Vielleicht ist ein wenig hängengeblieben von dem, was sie bei uns gelernt hat?

Es kann sein, dass wir die Familie in den sieben Jahren zu sehr verwöhnt haben. Alles, was möglich war, und mehr noch, haben sie bekommen. Zumindest in Paula ist ein guter Geist erwacht. Doch ihre Mutter überforderte uns. Ich musste eine Grenze setzen. Weil das gut Gemeinte sich ins Schlechte wendete. Hat das Gott nicht auch mit dem Menschen getan, als er arrogant wurde und wie Gott sein wollte? Damit die Bäume nicht in den Himmel wachsen, greift Gott ein. Mit hundertzwanzig Jahren Lebenszeit hat er den Menschen begnadet. Nun muss der Mensch aus Fleisch sterben, um die Beziehung zu seinem Schöpfer zu retten. Das Erlebnis der Begrenztheit weckt den Geist der Dankbarkeit und der eigenen Initiative. Wie bei Paula, nachdem sie weggegangen war.

Was wurde mir nicht alles geschenkt, wie reich ist mein Leben! Manchmal aber gerate ich an Grenzen, nicht erst im Tod. Sie sollen zeigen, wie beschenkt ich bin und wie viel mir geglückt ist.