Die zigeunerfreie Straße

Ruth Zenkert

Wer sind unsere Nachbarn? Wie sehe ich die Fremden?

Dies ist das Buch der Geschlechterfolge Adams: Am Tag, da Gott den Menschen erschuf, machte er ihn Gott ähnlich.
Gen 5,1

„In unserer Straße wohnt kein Zigeuner“, rühmten sich die Rumänen in Hosman. Tatsächlich war dies bis vor kurzem eine der wenigen Straßen, in der das erhabene Volk sich in einer Art heiler Welt wähnte, ohne lärmende, schmutzige Nachbarn. Auch Gelu wohnte mit seiner Mutter in der glorreichen Dorfstraße. Seit seiner Jugend war er dem Schnaps verfallen, und so hatte er keine Frau gefunden, obwohl die Mutter alles Mögliche versucht hatte, ihn zu verkuppeln. Eine feste Arbeitsstelle hatte Gelu nie. Inzwischen ist er an Leberzirrhose gestorben. Es ist nicht so lange her, dass in dieser Straße auch kein „Rumäne“ wohnen durfte. Denn Holzmengen, wie Hosman auf Deutsch heißt, war in der Hand der Siebenbürger Sachsen. Wer nicht Deutsch sprach, musste mit Sonnenuntergang den Ort verlassen. Die Siebenbürger Sachsen, das saubere, fleißige Volk, schaute auf „die Rumänen“ herunter. Wenn ein Sachse eine rumänische Freundin hatte, war dies ein Skandal. Und noch heute wird kein evangelischer Christ am Friedhof begraben, wenn er nicht Deutsch spricht.

Inzwischen sind die Sachsen fort, Rumänen wohnen in ihren Häusern. Im letzten Jahr bot ein Sachse, längst nach Deutschland ausgewandert, sein leerstehendes Haus in der rumänischen Straße zum Verkauf an. Damit sich kein Zigeuner dort ansiedelte, legten die Nachbarn ihre Ersparnisse zusammen, nahmen sogar Kredite auf, um das Haus zu kaufen, damit die Straße „zigeunerfrei“ bleibe.

Das nützte aber nichts, es zogen doch Roma in die Straße. Denn unser Verein hat dort ein Haus erworben, für zwei Mitarbeiter mit Familie. Beide Väter arbeiten in unserer Tischlerei, sie brauchten eine Unterkunft. Sicher ist es manchmal etwas lauter dort, weil jetzt wieder viele Kinder herumspringen. Und abends kommen oft Freunde. Doch auf der Straße liegt weder Müll noch wird jemand belästigt. Die Roma-Familien halten Ferkel im Hinterhof und haben einen kleinen Garten mit Gemüse angelegt.

Eines Tages kam Gelus neunzigjährige Mutter aufgeregt zu mir. Sie wage sich nicht mehr aus dem Haus und verriegle nachts Türen und Fenster. Was, wenn die Zigeuner, die zwei Häuser weiter wohnen, bei ihr einbrechen? Sie habe keine ruhige Minute mehr, mit ihrem schwachen Herz halte sie das nicht mehr lange aus. Womit habe sie das verdient, dass sie jetzt neben diesen Dieben und Gaunern wohnen müsse!

Deutsche, Rumänen und Roma lebten jahrhundertelang im selben Dorf, allerdings in verschiedenen Straßen. Bis heute bezeugt die Architektur den unterschiedlichen Reichtum und die verschiedenen Kulturen. Die Roma leben meist in Hütten unten am Bach, wo es feucht ist, die Rumänen in ihrem eigenen Viertel. Größer und schöner sind die Häuser in den Straßen der Deutschen. Die Frage ist, wie die Volksgruppen einander sehen. Von oben herab oder auf Augenhöhe, wie Brüder und Schwestern mit unterschiedlichem Teint? Unser Bibelvers bleibt ein Stachel im Fleisch. „Dies ist das Buch der Geschlechterfolge Adams: Am Tag, da Gott den Menschen erschuf, machte er ihn Gott ähnlich.“ Erstmals in der Geschichte ist hier von Humanität die Rede. Alle Menschen sind Geschwister, da sie von dem einen Adam abstammen, alle sind sie Gott ähnlich und haben dieselbe Würde. Dieser Blick auf den Menschen ist der Stachel, der die Sozialarbeit vorantreibt.