Die Zerstörung

Ruth Zenkert

Wann ist deine Liebe an den Punkt der Verzweiflung gelangt?

Der HERR sagte: Ich will den Menschen, den ich erschaffen habe, vom Erdboden vertilgen, mit ihm auch das Vieh, die Kriechtiere und die Vögel des Himmels, denn es reut mich, sie gemacht zu haben.
Gen 6,7

 

Eine Großfamilie, für die wir uns besonders eingesetzt haben, bringt mich zur Verzweiflung. Zabar ist wieder nicht zur Arbeit gekommen, das vierte Mal schon hat er gekündigt. In ein paar Wochen wird er wieder betteln, dass wir ihm noch ein letztes Mal eine Chance geben sollen. Jetzt ist Schluss, hat sein Lehrmeister schon drei Mal geschworen. An den Abenden sitzt Zabar lieber beim Clanchef und morgens schläft er aus. Kescha, die dreizehnjährige Tochter des Clanchefs, wurde im Sommer verheiratet. Bald wird sie schwanger sein. Der Schwiegervater hat für das hübsche Mädchen sicher einen guten Preis gezahlt. Der fünfzehnjährige Sohn wurde vor zwei Jahren mit einer Jüngeren zusammengebracht. Keiner von ihnen kann lesen und schreiben. Der Clanchef hat die Kontrolle über seine Geschwister und deren Familien. Wer einer Arbeit nachgeht und Geld verdient, muss ihm Tribut zahlen. Schließlich sind alle unter seinem Schutz.

Nach einer schweren Schlägerei – es ging um ein Schwein – holte der Schwager die Polizei. Die kam nach einigen Tagen, nahm den Fall auf und legte ihn unverrichteter Dinge zu den Akten. Man munkelte, dass der Polizist das Dorf nicht lebend verlassen hätte, wenn er etwas gegen den Clanchef unternommen hätte. Als Wochen später der Vorgesetzte des Polizisten nach dem Rechten schauen wollte, zog der Schwager die Anzeige zurück. Der orthodoxe Pfarrer erzählte uns, dass der Clanchef eine Seelenmesse für seine Frau bestellt habe; er werde sie in der folgenden Nacht umbringen. Und jetzt fehlte plötzlich Andrei in der Tischlerei. Seine Frau sagte, er habe Zahnweh, doch dann gestand sie, dass er mit nach Deutschland musste. Sie fahren in einem Kleinbus zum Betteln. Alle Strafen, die sie deswegen erhalten werden, gehen auf einen Namen. Dazu missbrauchen sie Andrei. Zahlungsunfähig, wird er dort die auferlegten Tage absitzen. Monatelang wird er nicht bei seiner Familie sein.

Hat es irgendeinen Sinn, dass wir uns noch um diese Leute kümmern? Dass wir versuchen, die Kinder in die Schule und die Jugendlichen in die Werkstätten zu bringen? Verhindern sie nicht mit vereinten Kräften, dass sie aus dem Elend herauskommen? Sind unsere Pläne falsch, erwarten wir Unmögliches, verlangen wir zu viel? Ich war drauf und dran, das Projekt aufzugeben, auch die Musikschule und den Jugendclub. Solche Gedanken hatte ich bei so viel Undankbarkeit und Lügen.

Aber da kam mir Maria in den Sinn. Sie kommt aus dem letzten Loch und aus der Verwahrlosung. Sie hat die Aufnahmeprüfung für das Gymnasium geschafft und entwickelt sich zu einer selbstbewussten jungen Dame. Hat sich nicht allein wegen ihr alles gelohnt? Und es kamen mir noch einige in den Sinn. Ionut, Victor, Iova, Andrea, Paula, Novac.

Wie sollten wir weitermachen? Nun konnte ich das Wort des Schöpfers verstehen: „Ich will den Menschen, den ich erschaffen habe, vom Erdboden vertilgen …“ Nach dem, was ich mit dem Clan erlebt hatte, musste ich sagen: „Es reut mich, so viele Mühen investiert zu haben.“ Die göttliche Verzweiflung war mir Trost. Spannend ist, wie es weitergeht.

Wann ist deine Liebe an den Punkt der Verzweiflung gelangt?