Die weiße Schlange und der Floh

Ruth Zenkert

Welche Tiere nähern sich dir? Sie zeigen dein Vertrauen und wie dein Lebensgeist ist.

Sie waren zu Noach in die Arche gekommen, immer zwei von allen Wesen aus Fleisch, in denen Lebensgeist ist.
Gen 7,15

 

Seit der letzten Woche haben wir zehn Hühner in unserem Hof. Die Tischlerlehrlinge haben mit viel Liebe einen Stall gebaut und ihn rot angestrichen. Der „Rote Salon“ beherbergt weiße, braune, schwarze und graue Hennen und einen schönen Hahn. Er heißt Dreimal, um fünf Uhr morgens weckt er mit seinem lauten Krähen alle im Hof. Eigentlich müsste er Siebenundsiebzigmal heißen. Heute durften alle das erste Mal hinaus in den Garten. Zuerst waren sie ängstlich, erst als Dreimal sich hinauswagte, folgt eine Schwarze, dann die anderen. Jetzt untersuchen sie die Umgebung, freuen sich über Schatten und Gras. Zum Eierlegen werden die Damen dann in ihren Salon zurückkehren. Mit Neugier und Vorsicht wagen sie sich immer weiter hinaus. Sie tasten das Revier der zwei Hunde und drei Katzen ab, hoffentlich wird es ein gutes Miteinander. Vielleicht ahnen sie, dass bei Buli, als er noch jung war, einmal das Jagdfieber ausgebrochen war und er einigen Artgenossinnen die Hölle heiß gemacht hatte. Inzwischen ist er alt und ruhig geworden. Gegenüber auf der Weide grasen Kühe mit ihren Kälbern. Pferde traben hinaus auf die Felder, am Mittag werden sie mit einem Anhänger voll Gras zurückkommen, das der Bauer mit der Sense geschnitten hat. Aus der Ferne ruft der Kuckuck. Die Grundmelodie dazu ist ein vielstimmiges Vogelgezwitscher. Schmetterlinge flattern von Blüte zu Blüte. Plötzlich ein lautes Rauschen und große Schatten! Zwei Störche fliegen tief über den Garten und lassen sich auf dem Giebel der Scheune nieder. Sie flirten, klappern, fliegen weiter, bald zu dritt. Gestern Abend waren die Kinder ganz aufgeregt, denn Alis war barfuß auf einen Igel getreten. Zur Beruhigung bekam der Igel Milch und Alis Schokolade. Das Gefühl, in einer Arche zu sitzen, wird unterbrochen oder ergänzt durch ein Kribbeln in der Kniekehle. Der Floh, der sich nach dem Besuch bei einer Familie eingenistet hat, erinnert mich daran, dass es noch einiges zu tun gibt.

Wenn ich vor unserem Gemeinschaftshaus sitze und auf die grünen Hügel Siebenbürgens schaue, fühle ich mich wie in der Arche bei Noach. Die Tiere sind nicht wegzudenken. Sie geben uns von ihrem Lebensgeist. Sie kommen uns nahe. Sie lehren die Kinder, achtsam zu sein und Vertrauen zu gewinnen. Sie spielen mit ihnen. Unser Hund Buli ist ihr Freund. Er kommt auch in die Kapelle, legt sich in den Kreis der Kinder und gibt ein lautes Zeichen des Vertrauens – er schnarcht. Tiere lassen sich nicht zwingen, doch plötzlich laufen sie dem einen oder anderen Kind nach. Als der Schulbetrieb wieder begann, tauchte Buli plötzlich im Klassenzimmer auf, um bei der zwölfjährigen Paula zu sein und sie notfalls zu beschützen.
Tiere sind sensibel und haben Lebensgeist, den sie an ihre Freunde weitergeben. Als Noach die Menschheit rettete, waren die Tiere dabei, „immer zwei von allen Wesen aus Fleisch, in denen Lebensgeist ist“. Wenn ich die Tiere bei uns betrachte, möchte ich Vegetarierin werden. Das Fleisch geht schwerer über die Lippen. Mit manchen Gedanken und Bedenken.

Welche Tiere nähern sich dir? Bei meiner jungen Freundin Livia ist es eine weiße Schlange, die sich um ihre Hand schlingt. Vertrauen und Lebensgeist.