Die Wahrheit macht den Unterschied aus zwischen Feigheit und Vertrauen

Georg Sporschill SJ

Wie reagierst du in einer Extremsituation? Was strahlst du aus?

Pilatus sagte zu ihm: Was ist Wahrheit? Nachdem er das gesagt hatte, ging er wieder zu den Juden hinaus und sagte zu ihnen: Ich finde keinen Grund, ihn zu verurteilen.

Joh 18,38 a

Schon lange hatte ich nichts mehr von Michaela gehört, das wunderte mich. Hatte ich sie gekränkt, oder war sie einfach nur viel unterwegs? Eines Tages rief sie an: „Hast du ein wenig Zeit?“ Es war Sonntagnachmittag. Mit starker Stimme sagte sie: „Ich habe Krebs.“ Das hatte sie in derselben Woche erfahren, mit der klaren Mitteilung, dass es keine Heilungsmöglichkeiten gebe. Erfahrungsgemäß habe sie noch zwei bis acht Monate zu leben. Sie berichtete, wie zunächst die scheinbare Bauchgrippe und dann häufige Beschwerden sie geschwächt hatten. Jetzt steht sie am Ende ihres Lebens. Sie wolle keine Chemotherapie machen, die ihr unter grässlichen Umständen vielleicht ein paar Tage mehr bescheren könne. „Sterben müssen wir alle einmal. Ich möchte alles abschließen und übergeben. Und mich von meinen Freunden verabschieden.“ Sie wolle nicht, dass alle trauerten und klagten. Wenige Tage später besuchte ich sie. Sie hatte herrlich gekocht, und wir tranken einen guten Weißwein. „Wenn ich auf mein Leben zurückschaue, bin ich nur dankbar für alles, was ich bekommen habe. Ich hatte ein schönes Leben. Gute Eltern, eine wunderbare Familie, wir hatten alles, was wir brauchten. Es war kein Krieg, wir mussten nicht flüchten. Ich bin reich beschenkt – und jetzt werde ich gehen.“ Ja, selbst ihre schwierige Ehe war letztlich gelungen, wenn sie auch in die Brüche ging. „Du weißt, ich bin ein alter Heidenbeutel. Ich war nicht in der Kirche und fühle mich dort auch nicht zuhause, darum will ich nicht auf dem Friedhof begraben werden. Aber ich wünsche mir, dass du mich beerdigst. Verstreut meine Asche im Garten.“ Michaela war nie fromm und war auch jetzt im Anblick des Todes nicht fromm, aber sie hatte keine Angst.

Ich bewundere Michaela. Worin bestand ihre Stärke? Dass sie – mit dem Rücken an der Wand – sich selbst treu blieb. Und voller Vertrauen war. An dem vielleicht letzten Abend mit ihr strahlte sie die Botschaft aus, ohne sie auszusprechen: Gott ist verlässlich und treu. Sie war dankbar für ihr Leben. Auch in der ärgsten Not fühlte sie sich getragen. Michaela war wahrhaftig, würde die Bibel sagen. Das unterscheidet sie von Pilatus, der den gefesselten Jesus fragt: „Was ist Wahrheit?“ Wo doch Jesus vor ihm die Wahrheit verkörpert. In ihm zeigt sich, dass Gott verlässlich und treu ist, auch wenn der Mensch schwach ist. Das erklärt die Würde, die der machtlose Jesus gegenüber dem feigen Machthaber ausstrahlt. „Wahrheit“ ist ein Leitbegriff im Johannesevangelium. Es ist keine Philosophie im griechischen Sinn, sondern eine Kraft von göttlicher Dimension. Die Wahrheit ist kein Wissen, sondern muss „getan“, gelebt werden (Joh 3,21). Am Verhalten eines Menschen ist abzulesen, ob er „aus der Wahrheit“ ist und für die Wahrheit „Zeugnis“ ablegt (Joh 5,33). Schließlich sagt Jesus von sich: „Ich bin die Wahrheit“ (Joh 14,6).

Feig und diplomatisch wie Pilatus, würdevoll wie Jesus, dankbar wie Michaela. Wie reagierst du in einer Extremsituation? Was strahlst du aus?