Die Wahrheit auf den Kopf gestellt

Georg Sporschill SJ

König der Juden, Neger, Zigeuner – welche Botschaft dringt aus dem Spott?

Die Soldaten flochten einen Kranz aus Dornen; den setzten sie ihm auf und legten ihm einen purpurroten Mantel um.

Joh 19,2

Freunde waren zu Besuch. Nach dem Abendessen zeigten unsere Kinder, fein herausgeputzt, was sie in der Musikschule gelernt hatten und brillierten mit ihren Talenten. Das Programm war zu Ende, es gab viel Applaus, und man wollte aufbrechen. Da trat von hinten aus der Ecke, in der die Jugendlichen standen, Moise vor, mein alter Freund, ein ehemaliges Straßenkind aus Bukarest. Heute ist sein Alter schwer einzuschätzen, es spielt auch keine Rolle. Wegen einer Bagatelle war er drei Jahre im Gefängnis, das hat ihn nicht besser gemacht. Moise, ein sehr dunkelhäutiger Bursche, war bekleidet mit einem knalligen Hawaiihemd und einer karierten Schildmütze. Ein Mitarbeiter wollte ihn zurückhalten, aber Moise kämpfte sich in die Mitte vor. Er wolle noch „sein“ Lied singen. Die Kinder lachten und trieben ihn an. Da fragte er ein Kind ums andere: „Schämst du dich, ein schwarzer Rabe zu sein?“ Schwarzer Rabe ist ein arges Schimpfwort für die Roma. Jeder, auf den er zeigte, schaute schnell weg, keiner antwortete. Dann sagte er: „Und wisst ihr, was ich bin? Eine weiße Taube!“ Wieder lachten alle, denn er war ja eindeutig derjenige im Raum mit der dunkelsten Haut. Nun begann er sein Lied zu singen, Ali und Ogi begleiteten ihn auf ihren Instrumenten. „Ich bin ein junger Bagabund! Ich lebe von einer Liebe zur nächsten.“ Offensichtlich hatte er das Lied als kleiner Bub irgendwo aufgeschnappt, es hatten sich viele sprachliche Fehler eingeschlichen. Aber er singt es heute noch mit seinen eigenen  Sprachspielen. Durch das Mienen- und Gestenspiel, mit denen er das Lied begleitete, konnte man verstehen, dass der junge Bagabund ein Matrose ist, der seiner Geliebten einen Ring schenkt, sie dann aber eifersüchtig ins Herz sticht und sieben Jahre Gefängnis bekommt. Alle waren begeistert, besonders als der junge Bagabund mit überkreuzten Händen ins Gefängnis musste. Der verrückte Moise hatte die Stimmung angeheizt und brachte alle Kinder dazu, mit ihm, der weißen Taube, zu tanzen.

Moise, der schwarze Gaukler, hatte den Höhepunkt des Abends geliefert. Die „weißen Tauben“ amüsierten sich über den lächerlichen schwarzen Raben. Er deckte Ressentiments auf, indem er die Wahrheit auf den Kopf stellte. Dieselbe Wirkung hatte der Spott bei Jesus. „Die Soldaten flochten einen Kranz aus Dornen; den setzten sie ihm auf und legten ihm einen purpurroten Mantel um.“ Den König der Juden – so lautete die Anklage – machten sie lächerlich. Doch aus ihrem Spott dringt tiefe Wahrheit. Ohne es zu wissen, hatten die römischen Soldaten den Retter der Heiden vor aller Welt öffentlich gemacht. Die Spötter stellen die Wahrheit auf den Kopf. Gegen ihre Absicht verkündeten sie ihren eigenen Retter.

Der Verspottete hat den Schlüssel für das Heil des Lachers, wie der arme Lazarus vor dem Tor des reichen Prassers oder die Flüchtlinge an den Toren der Wohlstandsfestung Europa. Spott schmeckt bitter. König der Juden, Neger, Zigeuner – welche Botschaft dringt aus dem Spott?