Die Vertreibung aus dem Paradies

Ruth Zenkert

Reichtum kann überfordern. Die Mühen und die Härte des Lebens helfen dem Menschen, zu sich zu finden.

Da schickte Gott, der HERR, ihn aus dem Garten Eden weg, damit er den Erdboden bearbeite, von dem er genommen war.
Gen 3,23

Auf der Hauptstraße im Roma-Viertel, wo sonst buntes Treiben herrscht, ist es wie ausgestorben. Es ist zu kalt, keiner geht freiwillig hinaus, keiner bleibt stehen, um mit anderen zu reden. Nur Elena schleppt sich langsam voran. Hinter ihr heult ihre Fünfjährige, weil ihr die kalten Finger wehtun. Auf einem Arm trägt Elena ihr schreiendes Baby, dick eingepackt, mit der anderen Hand schleppt sie die große Plastikflasche, die sie gerade am Brunnen mit Wasser gefüllt hat. Mit den fünf Litern wird sie nicht weit kommen, sie muss sicher noch einmal Wasser holen. Elena kämpft sich mit letzten Kräften ins Haus. Dort ist inzwischen das Feuer ausgegangen. Viel Holz ist nicht mehr da. Gheorghe, ihr Mann, ist jetzt erst losgezogen, um aus dem Wald ein paar Äste zusammenzutragen. Er konnte nicht früh aufstehen, der viele Schnaps am Abend … Immerhin, er hat ein Pferd und einen Wagen. Elena denkt zurück an die Zeit, in der sie in der Bäckerei gearbeitet hat. Es war warm und sauber, sie durfte frisches Brot mit nach Hause nehmen. Mit dem Gehalt konnte sie kaufen, was sie für die Kinder brauchte. Gheorghe arbeitete in der Tischlerei, manchmal brachte er ein Werkstück mit, mit dem er das Zimmer ausstattete. Ein Stuhl, eine Bank. Die anderen bekamen oft das Restholz mit, zum Heizen. Er hatte das nicht notwendig, denn im Haus hatten sie eine Gasheizung, sehr bequem. Elena konnte die Wäsche mit warmem Wasser waschen. Eigentlich hatten sie alles. Aber etwas bohrte in Gheorghe. Freunde überredeten ihn, er solle nach Deutschland mitkommen. Da verdient man schnell viel Geld, in einem Monat so viel, wie du hier in einem halben Jahr hast, versprachen sie ihm. Gheorghe kündigte und zog aus der Dienstwohnung aus. Elena musste mit den zwei Kindern in eine kleine Hütte und erwartete das große Glück, wenn er mit vollen Taschen zurückkäme. Aber Gheorghe kam gar nicht erst nicht weg. Sein Pass war nicht gültig. So blieb er im Dorf, in der kleinen Hütte ohne Wasser, Strom und Gas. Mit dem Pferd konnte er sich als Tagelöhner durchschlagen, viel brachte er nicht nach Hause. Statt saftigen bayrischen Schweinsbraten mit Sauerkraut wird es heute Abend wohl wieder Mamaliga geben, den Maisbrei, den er mit etwas Schnaps anreichern muss.

Gheorghe war mit seiner Familie im Garten Eden, was so viel wie Wonne bedeutet. Doch das zu große Glück hielt er nicht aus. Der Verlockung, nach Deutschland zu gehen, konnte er nicht widerstehen, trotz aller Vorteile, die er hatte, nachdem er aus dem Elend entkommen war. Nun rackert er sich mit dem Pferd ab, um seine Familie irgendwie zu ernähren. Wenn ich ihn sehe, grüßt er mich scheu und doch freundlich. Vielleicht entspricht ihm die schwere und schlecht bezahlte Arbeit mit dem Pferd mehr als das Angestelltenverhältnis und die moderne Tischlerei. Jetzt bearbeitet er den Erdboden, von dem er genommen war. Es hat ihm nicht gut getan, verwöhnt zu sein.
Nach der Vertreibung aus dem Paradies lässt Gott den Menschen nicht fallen. Er gibt ihm vielmehr einen Lebensbereich, in dem er sich zurechtfinden kann.
Reichtum kann überfordern. Die Mühen und die Härte des Lebens helfen dem Menschen, zu sich zu finden.