Die Todesstunde beschreibt den König

Georg Sporschill SJ

Ein Mensch wird zum Opfer. Führt er uns zum Frieden?

Es war am Rüsttag des Paschafestes, ungefähr um die sechste Stunde. Pilatus sagte zu den Juden: Da ist euer König!
Joh 19,14

Ein schmaler Pfad führte durch die Steinwüste hinauf; oben angekommen, genoss ich den Blick über die Wadis in eine unendlich scheinende, abgeschiedene Weite. Mitten im syrischen Wüstengebirge erhob sich hier ein Kloster aus dem siebten Jahrhundert. Mit Freunden war ich zu Pater Paolo Dall’Oglio gepilgert, einem italienischen Jesuiten, der hier seit 1980 eine Gemeinde von Christen und Muslimen um sich scharte. „Mar Musa“ – Berg Moses – nannte er die Gemeinschaft von Frauen und Männern, die christliche wie muslimische Rituale befolgte. Mein Mitbruder Paolo und ich waren Freunde, die Liebe zum Islam, die Begegnung mit Christen aus aller Welt, Gespräche, Gebet, vieles hat uns verbunden. Paolo strahlte Ruhe und Toleranz, aber auch entschlossenen, mutigen Geist aus. Das brauchte er für seine utopische Gemeinschaft, denn er hatte auch Gegner, zunächst innerhalb der Kirche. Und er kritisierte offen die syrische Regierung, die das Volk in den Bürgerkrieg führte. Er forderte Europa und die USA auf, sich einzubringen in den Konflikt, die säkularen Gruppen zu unterstützen, nicht nur die gewalttätigen religiösen Bewegungen zu stärken. Seine Appelle verhallten ungehört. Als der IS seinen Zug der Vernichtung durch Syrien begann, wurde Mar Musa ein Opfer des Terrors. Pater Paolo Dall’Oglio ist seit Juli 2013 spurlos verschwunden. Aber nicht seine Stimme.
Zwei Jahre später wurde dem deutsch-iranischen Schriftsteller Navid Kermani der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels zugesprochen. Bei der Verleihung hielt er eine berührende Rede. Der Orientalistik-Experte leidet angesichts des islamistischen Terrors unter der Entfremdung des Islam von seiner ursprünglichen Schönheit und zauberischen Liebe. Er berichtete von seiner Begegnung mit Paolo Dall’Oglio und seinem Mitkämpfer Jacques Mourad und appellierte an Europa, ihre Anliegen weiterzuführen. Europa solle sich fragen, was die Ursachen von Terror und Fluchtbewegung seien und ob nicht unsere Politik diese Katastrophe sogar fördere. Der Krieg sei nicht mehr in Syrien und im Irak zu beenden, Europa habe sich sehr viel entschlossener dazu zu verhalten. Er könne nur von den Mächten beendet werden, die hinter den befeindeten Armeen und Milizen stünden, dazu gehöre auch der Westen. Am Schluss der Rede rief er zum Gebet auf, für Paolo und die entführten Christen seiner Gemeinde, für die Freiheit Syriens und des Irak.
Das Evangelium hält den Zeitpunkt, zu dem Jesus verurteilt wurde, genau fest, denn er hat tiefere Bedeutung. „Es war am Rüsttag des Paschafestes, ungefähr um die sechste Stunde“, in der Pilatus seinen Spott über die Juden ausschüttet mit dem Wort: „Da ist euer König!“ Diese Stunde wirft ein Licht darauf, wie das Königtum Jesu zu verstehen ist. Am Rüsttag, also am Vortag des jüdischen Osterfestes, wird das Mahl vorbereitet, und die Lämmer werden geschlachtet. Jesus ist König und zugleich Opferlamm, das „Lamm Gottes“, das „die Sünde der Welt hinwegnimmt“.
Hoffentlich wird das Blut von Pater Paolo die Versöhnung in Syrien und zwischen Christen und Moslems bewirken.