Die Tage sind gezählt, die Katastrophe kommt

Josef Steiner

Es gilt, bedrohliche Entwicklungen ernst zu nehmen

Als die sieben Tage vorbei waren, kam das Wasser der Flut über die Erde.
Gen 7,10

 

Es geschah im August 1965. Ein gespenstisches schwarzes Wolkenmeer schob sich aus dem Süden in die Bergtäler unserer Osttiroler Heimat und staute sich in der Dreitausender-Bergkette zu einem schier unermesslichen Wassertank. Es begann in Strömen zu regnen, Tag und Nacht, ohne Unterbrechung. Die Bäche schwollen an, traten über die Ufer, bedrohten die aus Holz gefertigten Brücken und Stege, harmlose Rinnsale auf alltäglich begangenen Wegen und Pfaden verwandelten sich in schwer passierbare Hindernisse, auf aufgeweichten Äckern und Wiesen wurde jedes Arbeiten unmöglich. Dann geschah etwas Unerwartetes. Der durch den Dorfkern fließende Bach, an dem sich auch Kirche, Schule, Feuerwehrhaus, zwei Lebensmittelläden, Schuhmacherwerkstatt und Bäckerei befanden, versiegte plötzlich. Jäger entdeckten den Grund. In den in einem ebenen Hochtal beginnenden Bach, der dann wasserfallartig in das Dorf herabstürzte, war eine riesige Mure abgegangen. Sie bildete einen natürlichen Damm, der den Bach zu einem See staute. Ein banges Warten, verbunden mit hektischen Vorbereitungen zur Eindämmung der Flut, begann. Alle wussten, die Katastrophe kommt, aber nicht wann und in welchem Ausmaß. Dann brach der Damm, Gott sei Dank bei Tageslicht, an einem Nachmittag. Wäre es in der Nacht geschehen, gäbe es das Dorf in dieser Form nicht mehr. Eine braune, schwarze Masse aus Wasser, Erde, Geröll, Baumstämmen und Wurzeln stürzte zu Tal. Die erste Flutwelle wischte gleich die provisorisch errichteten Abwehrwälle weg, fraß sich Stück für Stück in die Begrenzung des Baches und erweiterte so das Flussbett. Es wurde ein Abwehrkampf um Meter und Sekunden. Traktoren zogen mit ihren Seilwinden neue Baumstämme heran. Mit Sandsäcken, Hölzern, Sperrholzplatten, Ziegeln und Steinen wurden immer wieder neue Hindernisse gegen die Ausbreitung der Flut errichtet. Mit Pickeln und Schaufeln versuchten die Helfer, überschwappendes Wasser zurück zum Flussbett zu leiten. Es war eine gewaltige Flut, die mitriss, was sich ihr in den Weg stellte. Ich habe noch die Bilder vor Augen, wie sie die gemeinsam genutzte alte Brechelstube, in der der am Ort wachsende Flachs verarbeitet wurde, wegriss und die große Lodenwalke wie ein Schiff auf den Wellen talwärts segeln ließ. Oder einen grünen Steyr-Puch-Traktor, den sie aus einem Geräteschuppen mitnahm und wie einen Kreisel tanzend zu Tal beförderte. Eine meiner Schwestern arbeitete als Verkäuferin im Erdgeschoss der Bäckerei. Sie hörte ein gewaltiges Poltern, sah eine dunkle Brühe und dann den im Keller arbeitenden bis zur Hüfte im Wasser stehenden Bäcker. Das Dorf wurde in dieser Jahrhundertkatastrophe vor endgültiger Zerstörung gerettet, Menschen mussten nicht ihr Leben lassen, die materiellen Verluste aber gingen in die Millionen. Eine bleibende Erinnerung an die Unverfügbarkeit menschlichen Lebens.

Die Bibel ist ein realistisches Buch. Sie blendet die Katastrophen nicht aus, die mit dem Menschen und der Schöpfung verbunden sind. Unverschuldete und Verschuldete, beide gibt es. Es gilt, bedrohliche Entwicklungen ernst zu nehmen.