Die Sierra Nevada de Santa Marta – das Herz der Welt

Dominik Markl SJ

„Ihr seid dem Ruf der Mutter Erde gefolgt, um eure Seele zu reinigen.“

Pilatus ging wieder hinaus und sagte zu ihnen: Seht, ich bringe ihn zu euch heraus; ihr sollt wissen, dass ich keinen Grund finde, ihn zu verurteilen.

Joh 19,4

Die Sierra Nevada de Santa Marta erhebt sich mehr als 5800 Meter über Kolumbiens Karibikküste, ihre Gipfel sind vergletschert. Auf 4000 Metern liegt ein See, der den Ureinwohnern als heilig galt. Hier opferten sie den Göttern fein geschmiedetes Gold, Smaragde und andere Edelsteine. Das Gold wurde den Tayrona zum Verhängnis. Europäische Kolonialisten jagten ihm nach – ohne Rücksicht auf Menschenleben. Doch bis heute hält das Volk der Kogi die Sierra Nevada für das Herz der Welt, den Sitz der Götter, an dem es ihre Aufgabe ist, das Equilibrium der Natur aufrecht zu erhalten, die Götter zu versöhnen. Ihre Religion teilt ihnen die Verantwortung zu, als die großen Brüder um die Menschheit Sorge zu tragen. Wir Gäste, die wir aus den Ebenen der Zivilisation anreisen, sind ihre kleinen Geschwister. Nach zwei Tagen Anmarsch durch die Regenwälder – ohne Strom, ohne Internet –, nach erfrischendem Schwimmen in den Gebirgsflüssen, an denen in Scharen prachtvolle Schmetterlinge flattern, während rund geschliffene Granitblöcke ihre gespeicherte Sonnenwärme in den Körper dringen lassen, nachdem die Seele sich langsam vollgesogen hat mit der grünen Pracht der Bäume, Moose, Palmen, Lianen, Schlingpflanzen, Farne, Flechten und Orchideen, erreichen wir die Ciudad Perdida, die verlorene Stadt. Hunderte Terrassen markieren die Orte einstiger Hütten, in deren Mitte die Ahnen mit Beigaben bestattet waren.

Die Kogi tragen weiße Gewänder und lange, tiefschwarze Haare. Ihre Kinder schwimmen gegen den Strom der reißenden Bäche, die Männer kauen Koka, wie seit Jahrtausenden. Wir treffen den Mamu, den geistlichen Leader der Kogi, vor seiner Hütte. Sie ist rund und aus Palmzweigen gebaut. Über dem Giebel hängen geflochtene Netze mit Federn, die Geister und schlechte Energien der Gäste aus der industriellen Welt abfangen. Der Mamu spricht zu uns: „Ihr seid dem Ruf der Natur gefolgt, seid zurück zur Mutter Erde gekommen, um eure Seelen zu reinigen an diesem heiligen Ort. Ihr seid jetzt rein von den negativen Einflüssen, von den Kriegen und der Gewalt, von denen ihr sonst hört.“ Wer dem Segen der Natur vertrauen will, bekommt vom Mamu ein Bändchen. Seither trage ich die Sierra Nevada an meinem Handgelenk. Die roten Glasperlen repräsentieren die Berge, die hellblauen das Wasser, die dunkelblauen die Sterne, die grüne Perle den Wald.

Der Mamu hat auch die Bibel gelesen. Er sagt, Jesus war ein großer Mensch. Zur Zeit der Kolonialisierung dachten christliche Missionare, alle Menschen müssten ihre heidnischen Religionen ablegen und sich zum Christentum bekennen, um gerettet zu werden. Heute sind wir froh, dass manche Menschen andere religiöse Traditionen bewahrt haben. Beim Mamu der Kogi habe ich gelernt, wie gut es tut, in der heilsamen Umgebung der Natur vom Bösen freigesprochen zu werden. Wenn wir in den Ferien dem Ruf der Mutter Erde folgen und zur Natur zurückkehren, hilft sie uns, wieder gelassener, menschlicher, liebevoller zu werden.