Die offene und die süße Gewalt

Ruth Zenkert

Wie zeigt sich eine kranke Umgebung?

Die Erde aber war vor Gott verdorben, die Erde war voller Gewalttat.
Gen 6,11

Ein großer Bulle jagt aufgeschreckt über die Wiese. Hinter ihm läuft Ionuz mit einem Stock. Er freut sich, dass das große Vieh davonrast. Zum Glück nicht in unsere Richtung, denn wir sind mitten in der Rinderweide. Ionuz lässt keinen Blödsinn aus, oft verletzt er auch andere Kinder, viel geht kaputt. Zuhause sitzt er unruhig am Tisch, er hat keine Lust zu lernen. Mit seinen zwölf Jahren tut er sich verdammt schwer. „Die Buchstaben kenne ich alle, aber sie laufen so herum, ich kann sie nicht verbinden.“ Verträumt malt er ein M auf das Blatt. Er ist ein bisschen verliebt in Maria aus seiner Klasse, die er jetzt nicht mehr sehen kann, weil die Schulen alle gesperrt sind. Ein schwieriger Bub, der auch oft aus dem Unterricht geschickt wurde, weil er nicht aufpasste und die anderen störte. Auch die Mutter hat ihn schon lange weggeschickt. Mit ihrem neuen Partner hat sie vier Kinder, Ionuz hatte da keinen Platz mehr.
Immer wieder war er bei uns in der Elijah-Gemeinschaft aufgenommen. Im Sommer bevorzugte er die Freiheit, er schwänzte oft die Schule. Trotzdem versuchten wir es immer wieder. Jeder Tag, den er in einer geborgenen Umgebung und mit Freunden erleben konnte, würde ihm gut tun, so dachten wir. Doch wir wussten oft nicht, wie wir ihn wieder zurückgewinnen, das wilde Pferdchen ein wenig zähmen sollten.
Es war wieder einmal so weit, dass keiner Rat wusste, außer, dass er seine Chancen bei uns verspielt habe und daraus lernen solle. Das brachte uns nicht weiter. Ciprian sagte: „Ich versuche es noch einmal, er kann zu mir ins Zimmer.“ Das überfordert dich, das wirst du nicht durchhalten, der klaut dir alles, so lauteten die Bedenken der anderen. Doch Ciprian wollte es versuchen. Jeden Morgen fahren sie nun miteinander ins benachbarte Dorf in das Elijah-Sozialzentrum. Dort kommt Ionuz zu Minodora, der Lehrerin; sie unterrichtet die Kinder, die nicht am Online-Unterricht der Dorfschule teilnehmen können, weil sie keinen Computer haben. Ionuz strengt sich an, weil er sich nicht blamieren will. Am Abend fahren sie zurück und essen miteinander. Manchmal kommt Angelica dazu. Ciprian setzt seine ganze Kraft, seine Begabungen ein, um dem Buben eine Chance zu geben. Im Gegensatz zu anderen Erziehern, die die gleichen Möglichkeiten haben, vielleicht noch begabter sind, aber ihre gute Macht nicht wahrnehmen. „Ich brauche mehr Zeit für mich, für Gott, ich muss auftanken, ich will meine Freiheit genießen“, so lauten ihre Argumente.

Die Not eines einzelnen Menschen kann die Verdorbenheit der Welt offenlegen. Da ist ein Schwacher, und kein Starker hilft ihm. Seine Umgebung wendet sich gegen Gott, wie ihn Jesus offenbart hat. Dieser lässt die 99 Schafe zurück und geht dem einen verlorenen nach. Er vertraut den Gesunden und versucht, das Kranke zu retten. „Ich mische mich nicht ein. Ich habe nichts gesehen. Ich bin mit mir selbst beschäftigt. Ich bete lieber“, sagt hingegen die süße Gewalt. Sie ist mehr verbreitet und gefährlicher als die offene Gewalt, die ihr Gesicht zeigt.
Ionuz, der Rocker, der Steine wirft, steht sogenannten Idealisten gegenüber, die nicht den anderen sehen, sondern sich selbst suchen.

Wie begegnet mir Gewalt?