Die Musik macht fruchtbar

Ruth Zenkert

Wo sind die Menschen, die Kinder stark und fruchtbar werden lassen? Vor allem die durch Reichtum oder Armut verwahrlosten Kinder.

Ihr aber, seid fruchtbar und mehrt euch; regt euch auf der Erde und mehrt euch auf ihr!
Gen 9,7

Die erste Musikstunde ist überstanden! Daniel zittert noch ein wenig, es war sehr aufregend, Lehrer zu sein. Vieles will er das nächste Mal besser machen, vor allem Autorität muss er noch gewinnen. Es erinnert mich an die ersten Trommel-Stunden, die ich für die Kinder gab, als wir vor zehn Jahren in Nou ankamen. Viele wollten eher Krach machen, statt die feinen Rhythmen einzustudieren. Daniel war damals einer meiner Schüler, ein aufgeweckter kleiner Bursche. Wir begannen mit der Musikschule, Daniel lernte Klarinette. Mit der Begeisterung beim Klarinettenspiel wurden auch die Leistungen in der Schule besser und so hielt er durch bis zum Abschluss. Das war vor zehn Jahren in Nou keine Selbstverständlichkeit. Kaum ein Viertel aller Kinder gingen zur Schule. Bei wenigen gab es einen Tisch oder genügend Licht zuhause – wie sollte man da lernen? Daniel kam jeden Tag zur Musikschule und erledigte seine Hausaufgaben im Sozialzentrum. Dann lernte er in der Tischlerei, machte den Führerschein. Jetzt fährt er jeden Tag die Lehrlinge von Nou mit dem Werk-Bus zum Bauhof nach Marpod. Er ist ein wichtiger Mitarbeiter bei uns geworden. Sein großes Ziel hat er erreicht: Er unterrichtet im Sozialzentrum Klarinette und Saxophon. Mit seinen Schülern will er eine Gruppe aufbauen, die bei den Dorffesten auftritt.

Das Sozialzentrum in Nou wurde am Ende des letzten Schuljahres von der Behörde ausgezeichnet. Durch viele Ideen, Wettbewerbe und vor allem die Musikschule ist das Lernen für die Kinder attraktiv geworden. Die hygienischen Möglichkeiten im Haus, die sauberen Kleider und die langen Tische, an denen gelernt wird, sowie die geduldige Unterstützung durch unsere Lehrer haben gute Voraussetzungen für das Lernen geschaffen. Der Schulbesuch im Dorf liegt heute bei über 90 Prozent, nicht zuletzt dank der Lebensfreude, die durch die Musik- und Tanzgruppen die Jugend erfasst hat.

Die Brücke zur Schule, die hier für die Kinder gebaut wird, ist das Wichtigste, sie lässt das Sozialzentrum aus allen Nähten platzen. Zunächst haben wir die verlassene Schule der Sachsen, die nach Deutschland ausgewandert sind, übernommen. Sie wurde das musikalische Zentrum im Dorf. Dann konnten wir das alte evangelische Pfarrhaus zum Sozialzentrum ausbauen. Heute bedrängt mich die Leiterin des Werkes in Nou mit dem Wunsch, ein weiteres Haus in der Nachbarschaft zu kaufen, um schon den Dreijährigen Räume zu bieten, in denen sie spielen und Freude am Lernen gewinnen können.

„Ihr aber, seid fruchtbar und mehret euch!“ Für mich heißt das: Es gibt nie genug Ideen, mit denen die verschütteten Begabungen unserer Kinder geweckt werden. Es braucht Phantasie, um ihre besonderen Talente zu entdecken. Wir finden nie genug Lehrerinnen und großherzige Freunde, die den Hunger unserer Kinder nach persönlicher Entfaltung stillen und die vielen Wunden heilen. Damit sie Menschen werden, die sich für andere einsetzen und eine Familie ernähren können.