Die Mütter der Candelaria

Dominik Markl SJ

Wie die Candelaria von Jerusalem nach Medellín wanderte und wie der Glaube gesellschaftspolitisch wirken kann.

Dann sagte er zu dem Jünger: Siehe, deine Mutter! Und von jener Stunde an nahm sie der Jünger zu sich.
Johannes 19,27

Im alten Israel galt der Erstgeborene als in besonderem Maße Gott geweiht. Erstgeborene Tiere wurden geopfert, für den ersten Sohn brachte man zum Ersatz ein anderes Opfer dar. Das Lukasevangelium berichtet, Maria habe Jesus entsprechend den Vorschriften des Mose in den Tempel von Jerusalem getragen und Tauben als Opfer dargebracht. Um 400 n.Chr. erzählt die Pilgerin Egeria, wie Christen in Jerusalem dieses Ereignisses feierlich gedachten. Das Fest der „Darstellung des Herrn“, traditionell „Maria Lichtmess“ genannt, wird in der katholischen Kirche bis heute am 2. Februar gefeiert. Seit der Eroberung Teneriffas durch die Krone von Kastilien im Jahr 1497 wird die Lichtmess-Jungfrau, die „Virgen de la Candelaria“, auf der Insel besonders verehrt. Vermittelt durch Seefahrer, die von den Kanaren aus in die Neue Welt aufbrachen, verbreitete sich die Verehrung der Jungfrau der Candelaria in ganz Lateinamerika. In Puno etwa, am peruanischen Westufer des Titicacasees, versammeln sich jedes Jahr am 2. Februar Hunderttausende, um das Fest der Jungfrau mit traditionellen Tänzen zu begehen – ein einzigartiges Spektakel, das die UNESCO zum immateriellen Weltkulturerbe erklärt hat.

Auch die älteste Kirche Medellíns, Kolumbiens einstiger Hauptstadt des Drogenhandels, ist der Candelaria geweiht. Seit 1999 ist die Kirche Ausgangspunkt der „Mütter der Candelaria“, die gegen das Verschwinden ihrer Angehörigen im bewaffneten Konflikt Kolumbiens protestieren und sich für Aufklärung der Gewaltverbrechen, Rechtsprechung, Reparationen, Frauenrechte und den Friedensprozess einsetzen. Teresa Gaviria gründete die Bewegung, nachdem ihr Sohn Christian mit fünfzehn Jahren verschwunden war. Erst nach jahrelanger Suche erfuhr sie, dass er von Paramilitärs ermordet und seine sterblichen Überreste in den Río Magdalena geworfen worden waren. Zehntausende Menschen verschwanden in Kolumbien als Opfer von Guerrillas, Paramilitärs oder staatlichen Sicherheitskräften. Die Mütter der Candelaria fordern Gerechtigkeit, aber nicht, um weiteren Hass zu schüren, sondern um Frieden zu finden, für ihre Familien und für die Zukunft ihres Landes.

Was verbindet die Mütter der Candelaria mit der Jungfrau der Candelaria? Schon als Maria Jesus in den Tempel brachte, sagte ihr Simeon prophetisch vorher, ein Schwert werde ihre Seele durchdringen – ein Vorverweis auf den gewaltsamen Tod ihres Sohnes. Das Johannesevangelium erzählt, wie Jesus, am Kreuz schon dem Tod nahe, seinem geliebten Schüler Verantwortung für Maria anvertraut – ein Gestus, der dem Leid der Mutter Aufmerksamkeit schenkt. Maria wurde seit dem Mittelalter in der Volksfrömmigkeit als Mutter der Schmerzen zum Bezugspunkt unzähliger Frauen, die darum beteten, ihr Leid möge nicht zu Hass, sondern zum Frieden führen. Während Männer als Kriegsherren in die Geschichte eingingen, retteten Frauen die Menschheit über Kriege hinweg. Die Mütter der Candelaria zeigen die Kraft ihres Glaubens in gesellschaftspolitischer Initiative.