Die Minderheiten und der Hass

Dominik Markl SJ

Wo bin ich in Kontakt mit Menschen am Rande meiner Gesellschaft? Komme ich ihnen in Freundschaften nahe?
Aber weil ihr nicht von der Welt stammt, sondern weil ich euch aus der Welt erwählt habe, darum hasst euch die Welt.
Johannes 15,19 

„Zigeuner“ ist eines jener faszinierenden Worte, deren Wurzeln in der Tiefe der Geschichte begraben liegen und deren Ursprung wir nur tastend erahnen können. Vermutlich stammt es vom griechischen Wort „athinganoi“, das eine gnostische Sekte bezeichnete; vielleicht aber vom persischen „ciganch“, „Musiker, Tänzer“; oder aber vom türkischen „čigan“, „arm“. Das Wort „Zigeuner“ ist von einer langen Geschichte der Diffamierung belastet, weshalb der Zentralrat der deutschen Sinti und Roma es grundsätzlich als diskriminierend ablehnt. Dagegen weist der Journalist Rolf Bauerdick darauf hin, dass es viele Menschen gibt, die sich selbst als Zigeuner bezeichnen und auch so genannt werden möchten. Und wer schon erlebt hat, wie ein Liebeslied in immer schnellerem Rhythmus und Tanz mit funkelnden Augen „meine Zigeunerin“ besingt, erahnt den beherzten Stolz, der diesem Wort innewohnen kann. Das Problem liegt freilich nicht im Wort an sich, das durch eine oberflächliche politische Korrektheit bereinigt werden könnte, sondern in der abgründigen Verachtung oder gar dem Hass, dem viele dieser Menschen bis heute ausgesetzt sind.

Der Hass gegen Menschen, die als Minderheit in einer dominanten Kultur leben, ist schon aus biblischen Zeiten bekannt. Das Esterbuch erzählt vom persischen Beamten Haman im fünften vorchristlichen Jahrhundert, der alle Juden im Großreich des persischen Königs Ahasveros vernichten will. Obwohl die Estererzählung kein historischer Tatsachenbericht ist, spiegelt sie die Gefährdung von Juden mit ihrer kulturellen Tradition und ihrer Weigerung, am Herrscherkult teilzunehmen – eine Gefahr, die in hellenistischer Zeit tatsächlich virulent wurde. Auch die Anhänger des „neuen Weges“, wie das Christentum ursprünglich genannt wurde, erlebten sich als kleine Minderheit von der „Welt“ gehasst, wie das Johannesevangelium bezeugt. Zahllose Christen ließen als Märtyrer das Leben. Dennoch – als Christen selbst zur Mehrheit geworden waren, wurden ihnen Ketzer oder Juden zu unliebsamen Minderheiten, die sie quer durch Europa jagten und ermordeten. Als sich im 19. Jahrhundert Mehrheiten vor allem durch die Volks- und Rassenideologie in Nationalstaaten zu definieren begannen, führte dies zur größten Verfolgung von Minderheiten in der Geschichte.

Der Minderheitenhass funktioniert beinahe so zuverlässig wie ein soziologisches Naturgesetz. Dies auszunützen und ein Mehrheits-Wir gegen Andere auszuspielen, ist der schäbigste Trick, dessen Politiker sich schuldig machen können. Ein Trick, der auch in Österreich regelmäßig von Wahlplakaten grinst. Der Minderheitenhass lauert wie eine dämonische Gefahr in allen dominanten Kulturen. Er lässt sich nicht durch verfassungsrechtlichen Minderheitenschutz und politische Korrektheit allein bezwingen, sondern nur durch das Engagement und die politische Verantwortung jeder Bürgerin und jedes Bürgers. Wo bin ich in Kontakt mit Menschen am Rande meiner Gesellschaft? Komme ich ihnen in Freundschaften nahe?