Die Liebe hat einen Namen

Georg Sporschill SJ

Wer ragt für Dich aus der Menge heraus? Welches Gesicht kennst Du? Wer ist Deine Brücke zu den Vielen?

 
Ich habe ihnen deinen Namen bekannt gemacht und werde ihn bekannt machen, damit die Liebe, mit der du mich geliebt hast, in ihnen ist und damit ich in ihnen bin.
Joh 17,26

 

Ein turbulentes Studienjahr in Paris – 1968 – hatte mich dazu bewogen, nicht mehr ins Priesterseminar zurückzukehren. Das Theologiestudium setzte ich auf Drängen meines Vaters fort, doch ich suchte neue Wege. Mit meinem Freund Josef folgte ich der Einladung eines Professors, Assistenzdienste zu übernehmen. Er wollte uns in die praktische Theologie einführen und gab uns jede Woche Aufgaben: Wie gewinne ich einen Freund? Was sage ich einem hilfesuchenden Menschen? Wo finde ich jemanden, der mich braucht, und wie gewinne ich sein Vertrauen? Der Professor weckte Ehrgeiz in Josef und mir, wir entdeckten und entwickelten unsere Begabungen. Besonders spannend wurde sein ungewöhnlicher Zugang zur Bibel, den uns der Professor erschloss. Einmal in der Woche durften wir für eine Stunde zu ihm kommen, mit schriftlicher Vorbereitung und Bericht über unsere Aktivitäten. Aus den wöchentlichen Sitzungen wurden tägliche Treffen, und wir wurden enge Freunde von Wolfgang. Er nahm uns mit in die Berge. Er lud uns in ein Heim für Schwererziehbare ein, die er betreute. Beim Besuch im Gefängnis begegnete ich zum ersten Mal einem jugendlichen Mörder. Im Schwimmbad lehrte er uns die Mystik. Wenn wir den Mädchen nachschauten, weitete er unseren Blick. Er kam nicht mit moralischen Verboten, sondern gab uns Ziele. Staunen sollten wir lernen und uns binden. Ich spürte in mir den Wunsch, so zu leben wie der große Freund.
Wolfgang war Jesuit. Die Jesuiten hatte ich bis dahin als Professoren gekannt, wie es damals in Innsbruck viele gab. Für mich war es eine anonyme Gesellschaft, aber durch Wolfgang bekam der Orden für mich ein Gesicht. Er war der Mensch, der mich zum Jesuiten gemacht hat.

Ein Name hat mir das Tor meines Lebens geöffnet, zu einer Aufgabe und zu einer Gemeinschaft.
„Ich habe ihnen deinen Namen bekannt gemacht.“ So schildert Jesus seine Leistung an den heidnischen Völkern. In der Dunkelheit der von vielen Göttern versklavten Welt hat Jesus den Namen des Einen zum Leuchten gebracht. In seinem Namen sollten alle Menschen spüren, dass sie von Gott geschaffen und geliebt sind. Jeder Mensch sollte seine Würde und Freiheit bekommen. Vor allem die Frauen und Kinder am Sklavenmarkt. Jeder und jede kann den Namen des Einen anrufen. Die Beziehung ist nicht anonym, sondern hat einen Namen, der ganz persönlich ist. Der Islam wiederum kennt 99 Namen für Gott. Mit meiner Roma-Community meditieren wir jeden Tag einen davon. Heute ist es „der Erniedriger“, morgen „der Erhöher“. Den hundertsten Namen kennt nach islamischer Tradition jeder einzelne Mensch selber. Er ist sein persönliches Geheimnis. Die Liebe hat einen Namen, so wie jede Beziehung sich von einer anderen unterscheidet.
Mit dem Namen Wolfgang habe ich einen Freund und meine Lebensgemeinschaft gefunden.

Wer ragt für dich aus der Menge heraus? Welches Gesicht kennst du? Wer ist deine Brücke zu den Vielen?