Die Lebensgeschichte gibt dem Lied die Farbe

Ruth Zenkert

Wie beginnt eine Leere zu sprechen? Wie wird aus einer Abwesenheit etwas Positives?

Denn sie hatten noch nicht die Schrift verstanden, dass er von den Toten auferstehen müsse.

Joh 20,9

An Thérèse geschmiegt, steht Roxi in der Mitte des Zimmers und singt. Als es zu uns kam, sah das pummelige zwölfjährige Mädchen aus wie ein frecher Bub mit kurzen struppigen Haaren. Die Familie hatte Roxi mit einem Hirten zu den Schafen geschickt, zuhause konnten sie nichts mehr mit ihr anfangen. Sie sollte weg oder zumindest etwas Geld bringen. Da sie nicht regelmäßig in die Schule ging, konnte sie gerade Buchstabe für Buchstabe ihren Namen entziffern und ein wenig rechnen. Inzwischen hat Roxi einen Lockenschopf und pflegt sich gern, sie trägt wie alle Mädchen glitzernde und rosa Pullis und feine Sandalen. Dem verschreckten, schüchternen Kind von früher war kaum ein Wort zu entlocken, oft floh sie in ihr Zimmer. Und jetzt steht sie vor uns und singt ein Lied, mit lauter Stimme. Mehr noch, es ist ein französisches Lied: „La vie en rose“ –Leben in Rosa – von Édith Piaf. Bei manchen Zeilen summt sie mit und schwingt sich in das Ende des Verses ein „… prä do se bra“ „..tu ba“ „…wi o rose“.

Würde sie vor Publikum singen und man wüsste nichts von ihr, wäre man geneigt zu sagen: wenig ausgebildete Stimme, kein selbstsicheres Auftreten, bitte den Text lernen! Für unsere Roxi aber ist es ein Wunder, dass sie vor uns allen französisch singt! Nach dem abschließenden „mon cœur qui bat“ – mein Herz klopft vor Liebe – umarmt sie die Volontärin Thérèse glücklich und fest. Sie wohnen gemeinsam im Zimmer. Thérèse hat das Lied jeden Abend mit ihr gesungen.

Ist es ein Zufall, dass auch Édith Piaf, der kleine Spatz, aus einer schwierigen Familie kam? Die Mutter betrieb ein Bordell, der Vater war Schlangenmensch in einem Wanderzirkus und schlug das Kind oft, wenn er betrunken war. Mit vier Jahren erblindete sie, nach zweijähriger Krankheit ging die Großmutter mit ihr auf eine Wallfahrt, und sie wurde geheilt. Das Leben in Rosa strahlt noch einmal stärker vor dem Hintergrund der grauen Vergangenheit.

Die geschlagenen Mädchen sind bei lebendigem Leib begraben. Sie haben kein Leben. Später aber beginnen beide zu singen. Mit starker Stimme und eindringlich. Piafs Geheimnis liegt in ihrer Geschichte von Erblindung und Heilung, genauso wie bei dem kleinen Mädchen, das weggeschickt wurde. Und dann eine Freundin fand, die mit ihr sang.

„Denn sie hatten noch nicht die Schrift verstanden, dass er von den Toten auferstehen müsse.“

Nur die Lebensgeschichte lässt das Geheimnis ahnen, warum das leere Grab die Botschaft von der Auferstehung enthält. Jesus und seine Schüler und Schülerinnen, allen voran Maria von Magdala, kannten die Geschichte von Mose und Elija. Für beide gibt es nicht einmal ein Grab. Den einen hat Gott mit einem Kuss in den Himmel aufgenommen, den anderen im Feuerwagen. Die Leere enthält die Botschaft von der Auferstehung. Heute führt Mose die Menschen zu einem erfüllten Leben, und Elija hilft überall, wo Not ist.

Die große Geschichte und mein Leben geben meiner Stimme die Farbe. Erlebte Leere schenkt Überzeugungskraft.