Die Kunst, dem anderen den Mund zu öffnen

Ruth Zenkert

Zu wem hast du so viel Vertrauen, dass du dich mit deinen Schwächen zeigen kannst? Vor wem darfst du dich zeigen, wie du bist?

Aber Gott, der HERR, rief nach dem Menschen und sprach zu ihm: Wo bist du?
Gen 3,9

„Sie hat das Flugzeug verpasst“, teilte mir Robert genervt mit. Sie, seine Frau Gabi, sollte bei uns im Sozialprojekt mitarbeiten, weg von ihm, von der gewohnten Umgebung – und vom Alkohol. Die teuersten Entzugsprogramme hatte sie absolviert, doch immer wieder fiel sie zurück in ihre schwere Krankheit, jedes Mal tiefer. Gabi versäumte auch das nächste Flugzeug. Nach langem Verwirrspiel fand ich sie endlich betrunken auf dem Beifahrersitz eines hilflosen Taxifahrers. Ich nahm Gabi mit ins Sozialzentrum und brachte sie in ihr Zimmer. Am nächsten Morgen tauchte sie auf. Ich erwartete, dass sie sich beschämt entschuldigen würde. Keine Spur! Sie sei gekommen, um mitzuarbeiten, wo könne sie beginnen? Sie solle in der Küche mithelfen, bat ich sie. Wir hatten viele Früchte aus dem Garten. Gabi besorgte einige Zutaten und kochte köstliche Marmelade. Oft bewies sie, dass sie eine perfekte Hausfrau war, und zeigte unseren Mitarbeitern und Schützlingen einige Geheimnisse. Als ich das erste Mal merkte, dass sie nach Alkohol roch, setzte ich mich zu ihr und wollte über ihr Problem sprechen. „Wie können wir dir helfen?“ Gabi wehrte ab. Es sei alles in Ordnung, da sei sie längst drüber und auch die Ehe sei okay. Kurz darauf fanden wir sie am hellen Vormittag statt in der Küche im Mitarbeiterzimmer: Die Arme ausgebreitet, lag sie laut schnarchend auf der Couch. Wir konnten sie nicht wachrütteln. Ich ging in ihr Zimmer. Erst als ich hinter den Schrank schaute, fand ich die unzähligen Wodkaflaschen, die sie dort versorgt hatte. Am Abend sprach ich sie darauf an, sie meinte, die seien wohl dort gewesen, bevor sie eingezogen sei. Gabi trank weiter. Erst als einer der Schützlinge, den sie ins Herz geschlossen hatte, weinte und sie anflehte, nicht mehr zu trinken, öffnete sie sich. Und vertraute mir ihre Geschichte an. Was sie aus dem Leben geworfen und warum sie keinen anderen Ausweg mehr gefunden hatte. Jetzt konnten wir über alles reden. Gabi fand Halt in der Gemeinschaft und Freude in ihrer Aufgabe. Sie wurde stabiler, und ohne zu merken, wie, brauchte sie den Wodka nicht mehr.
Eines Tages eröffnete sie mir ihre Pläne: „Ich gehe zurück nach Österreich und mache eine Fortbildung als Krankenschwester. Ich möchte dann mit einem Ärzteteam in Südamerika helfen.“ Gabi ging, „trocken“, und schaffte es!

Wir kamen an Gabi nicht heran, bis ihr Liebling sie ansprach und ihr Herz öffnete. Der Kleine nahm ihr die Angst, sie musste nicht mehr verstecken, was ohnehin jeder wusste. Genauso gut weiß Gott um den Menschen Bescheid, der im Garten Eden vor ihm steht. In der Frage „Wo bist du?“ drückt sich die Liebe des guten Hirten aus, der dem verlorenen Schaf nachgeht. Es ist eine therapeutische Frage, die dem Leidenden Vertrauen gibt und ihm den Mund öffnet. Nach einer solchen Frage konnte Gabi sagen, wie es zur Katastrophe gekommen war, ihre Situation ehrlich anschauen, Hilfe annehmen und neues Selbstvertrauen gewinnen.

Zu wem hast du so viel Vertrauen, dass du dich mit deinen Schwächen zeigen kannst? Vor wem darfst du dich zeigen, wie du bist?