Die Kraft der Herkunft

Josef Steiner

In vielen persönlichen Dokumenten müssen Geburtsort und Staatsangehörigkeit eingetragen werden. Woher komme ich?

Er fragte sie noch einmal: Wen sucht ihr? Sie sagten: Jesus von Nazaret.

Joh 18,7

Es war während der Tabakernte in Kanada. Als junger Student versuchte ich in der Ferienzeit das Taschengeld durch einen Job etwas aufzubessern, verbunden mit Abenteuer, Reisen und dem Reiz des fremden Landes. Die erste Frage, die mir dort in jeder Begegnung gestellt wurde, lautete: „Where do you come from?“ Auf meine Antwort „I am from Austria“ folgte fast immer der bewundernde Ausruf: „Oh, you are from Australia, what a wonderful land!“ Dann hieß es immer den Unterschied erklären, mit der ernüchternden Erkenntnis, dass die meisten Österreich gar nicht kannten. Dieses Erlebnis hat mir Rainhard Fendrichs Lied „I am from Austria“, 1989 erschienen, näher gebracht. Es ist Balsam für die Seele und das Selbstbewusstsein. Dieses Lied – heute als „heimliche Bundeshymne Österreichs“ bezeichnet – versteht, wer als Österreicher im Ausland lebt. Es ist ein „zweiten Blick“, so nennt es Fendrich, auf das Land der eigenen Herkunft. Ein genauerer, realistischer, liebevoller und dankbarer Blick.

Jesus hat aus seiner Herkunft nie viel Aufhebens gemacht. Von der Abstammung her verständlich; sie liegt im Geheimnishaften und Verborgenen. Und vom Geographischen her steht seine Heimatstadt Nazaret nicht im Fokus biblischer Bedeutsamkeit, weil sie in der Bibel gar nicht erwähnt wird, jener kleine Weiler, dessen Wurzeln nach Kenntnis heutiger archäologischer Forschung bis in das zweite Jahrtausend v. Chr. zurückreichen. In Nazaret ließ sich Jesu Familie nieder, dort ging er zur Schule, lernte ein Handwerk und übte soziales Verhalten ein. Nach Nazaret kehrte der Zwölfjährige nach seinem „Ausbüchsen“ in Jerusalem als lernwilliger Jugendlicher zurück. Aus Nazaret brach er auf zu seinem Cousin Johannes an den Jordan. Und in Nazaret versuchte er zum ersten Male öffentlich in einer Predigt sein Projekt verständlich zu machen.

Seine selbstverständliche, tiefe Verwurzelung in seinem Heimatort ließ Jesus andere ansprechen. Den skeptisch fragenden Natanael, ob aus Nazaret überhaupt etwas Gutes kommen könne, bezeichnete Jesus als wahren Israeliten, als einen, der die Bibel und die Tradition kennt, in der von Nazaret keine Rede ist, sondern in der von Städten wie Jerusalem, Bethlehem, von Hebron geschwärmt und Großes erwartet wird. Natanaels Augen auf Neues und Überraschendes hin, das in Nazaret begann, zu öffnen, das reizte Jesus. Und die Menschen begannen immer öfter mit seinem Namen seine Herkunft zu verbinden. „Jesus von Nazaret“ wurde ein Markenzeichen, das sprachliche Logo seines Unternehmens. Die Dämonen nahmen es ebenso in den Mund wie die um Hilfe und Heilung bittenden Kranken oder die über seine kraftvollen Worte staunenden Menschen. Wenn Jesus jetzt die ihn in Gewahrsam nehmenden Hilfstruppen der politischen und religiösen Autoritäten zu einem „zweiten Blick“ auf seine Person zwingt, will er bis zum Ende des Lebens seine Herkunft betonen. „Er fragte sie noch einmal: Wen sucht ihr? Sie sagten: Jesus von Nazaret.“