Die Kraft der Gemeinschaft

Josef Steiner

Wenn ein Lehrer in Not ist, sind starke Schüler gefragt, die an einem Strang ziehen.

Dann kamen die anderen Jünger mit dem Boot – sie waren nämlich nicht weit vom Land entfernt, nur etwa zweihundert Ellen – und zogen das Netz mit den Fischen hinter sich her.

Joh 21,8

Von Israel ben Elieser, dem Begründer der spirituellen Bewegung des Chassidismus, werden vor allem Eigenschaften, Taten und Werke berichtet, die von seiner geistigen Tiefe, von seiner therapeutischen Kraft und klugen Menschenführung Zeugnis geben. Martin Buber aber hat in seiner Sammlung chassidischer Erzählungen auch eine Situation festgehalten, in der der große spirituelle Führer – heute würde man ihn Guru nennen – in Not ist. Eingebettet ist die Szene in einen uns fremden frommen Brauch, am Abend des Versöhnungstages ein Segensgebet an den am Himmel leuchtenden Mond zu richten. Als dankbares Zeichen dafür, dass am Versöhnungstag, so wie der Mond Licht in die Nacht bringt, Gott Licht in das Dunkel der Menschen und in deren Sünde und Gottferne gebracht hat. Weil aber Wolken den Mond verdeckten und die Wolkendecke sich trotz seines intensiven Gebets nicht lichtete, wurde Israel ben Elieser immer schwermütiger, zog sich in sein Haus zurück und verlor schließlich die Hoffnung. „Inzwischen hatten die Schüler“ – so Martin Buber -, „die von der Kümmernis ihres Lehrers nicht wussten, sich im äußeren Haus versammelt und zu tanzen begonnen. Denn so pflegten sie an diesem Abend die durch den hohenpriesterlichen Dienst vollzogene Sühnung des Jahrs in festlicher Freude zu begehen. Als die heilige Lust höher stieg, drangen sie tanzend in die Kammer ihres Lehrers ein. Bald übermächtigte sie die Begeisterung, sie fassten den verdüstert Sitzenden an den Händen und zogen ihn in den Reigen. In diesem Augenblick erscholl ein Ruf von draußen. Unversehens hatte sich die Nacht erhellt; in nie zuvor gesehenem Glanze schwang der Mond am makellosen Himmel.“ Begeisterte Schüler, die ihren Lehrer tragen.

Jesus hatte das Glück, starke Schülerinnen und Schüler zu haben, die in schweren Zeiten mit ihm solidarisch waren. Als ein gefährlicher Besuch in der Nähe Jerusalems beim sterbenden Freund Jesu, bei Lazarus, bevorstand, machte sich Thomas zum Sprecher der Gruppe und sagte: „Gut, dann gehen wir mit dir, um zu sterben.“ Als die Bewegung mit Jesus auf der Kippe stand und am Zerbrechen war, ergriff wiederum Petrus für alle das Wort und sagte: „Wir bleiben.“ Und jetzt, nach seinem Tod, ist Jesu Wirken ganz von seinen Schülern abhängig. Und sie enttäuschen ihn nicht, folgen seinem Hinweis, auf originelle, neue Weise Menschen zu gewinnen, und haben Erfolg. Petrus als Führungskraft zeigt seine Begeisterung und Liebe zu Jesus spontan mit einem Lauf durch das Wasser. Die sechs anderen packen zu, erledigen die Arbeit, schleppen den Erfolg, die gefüllten Netze, an Land. Ein Bild für die gemeinsame Mühe, Menschen aus allen Völkern an Land zu ziehen. Jesu Werk geht weiter. Wenn ein Lehrer in Not ist, sind starke Schüler gefragt, die an einem Strang ziehen.