Die größte Leistung einer Lehrerin

Ruth Zenkert

An welcher Idee arbeite ich mit? Wo spiele ich eine Rolle? Wessen Geist führt mich?

Er wird mich verherrlichen; denn er wird von dem, was mein ist, nehmen und es euch verkünden.

Joh 16,14


Unsere kleine Küche ist voller Kinder. Sie sitzen auf der alten Bank, auf Stühlen, auf dem Boden, einige stehen. Nach der Musikschule sind sie zu uns gekommen, wir haben die Messe gefeiert, sie haben gesungen – und jetzt haben sie Hunger. Die fünfzehnjährige Roxana ist hinausgegangen und hat einen großen Topf Mamaliga gekocht. Nun serviert sie den goldenen Maisbrei mit Schafskäse auf zwei großen Holzbrettern. Die Kinder bekommen Servietten, es wird ruhig, alle falten die Hände zum Tischgebet. Dann gibt Roxana jedem Kind einen Teller, die großen Burschen bekommen eine kräftige Portion, den Kleinen setzt sie nur ein Häufchen hinauf, damit nichts übrigbleibt. Wer mehr möchte, dem schöpft sie nach. Die wilde Meute ist zufrieden und zahm geworden. Die leeren Teller stellen sie in die Mitte. Alexandru isst die Reste auf, die die kleine Bianca übriggelassen hat. Roxana achtet darauf, dass nichts weggeworfen wird. Ein Bub hilft beim Abspülen, in Windeseile ist die Küche blitzsauber, der Boden gefegt, sind die Sitzkissen wieder geordnet, gibt es frisches Wasser für die Rose auf dem Tisch. Roxana löscht die Lichter und schließt die Haustüre zu.

Vor einem Jahr wusste sie noch nicht, dass sie einmal einen Hausschlüssel in der Hand haben würde. Roxana stammt aus einer Hütte in Ziegental, ohne Wasser und Licht, ohne Tisch, denn dafür ist kein Platz. Begonnen hat das zarte Mädchen als Schülerin in der Elijah-Kunstwerkstatt von Angela. Von ihr hat sie alles abgeschaut, Pünktlichkeit, Kochen, Sauberkeit, Sinn für Schönheit. Neue Kinder kommen mit Roxana ins Sozialzentrum, junge Mädchen melden sich für die Mitarbeit in der Werkstatt. Wir sind mit dem Dorf zusammengewachsen, es ist kein „Ausländerprojekt“ mehr. Wenn Angela nicht da ist, wird sie von Roxana vertreten. Das Mädchen hat eine Zukunft, auf jeden Fall wird sie mit ihren Kindern nicht in einer Lehmhütte hausen müssen.

Die fleißige Angela hat eine Werkstatt aufgebaut, in der wunderschöne Kunst erzeugt wird. Ihre größte Leistung strahlt jedoch in dem auf, was die Schülerin leistet. Der Geist ist auf Roxana übergesprungen, durch sie bekommt das Werk ihrer Lehrerin Gewicht. Gewicht heißt in der Bibel Herrlichkeit. Die Schüler Jesu verherrlichen ihn – geben ihm Gewicht -, indem sie sein Werk weiterführen und Neues schaffen. Mit seinem Wort hat Jesus den Schülern einen Weg gezeigt und sie selbstbewusst gemacht. Der Funke sprang auf sie über, sie übernahmen sein Werk und entwickelten es weiter. „Wer an mich glaubt, wird die Werke, die ich vollbringe, auch vollbringen und er wird noch größere vollbringen.“ (Joh 14,12).

Bei Roxana scheint in allem die Lehrerin durch, sie ist eine „kleine Angela“ geworden. Sie legt Wert – Gewicht – auf die Dinge, die ihrer Lehrerin wichtig sind. Dabei aber ist sie nicht abhängig, sondern selbständig, sie führt andere Kinder und geht ihren eigenen Weg.

An welcher Idee arbeite ich mit? Wo spiele ich eine Rolle? Wessen Geist führt mich?