Die Grenzen des Lobs

Ruth Zenkert

Wo lege ich mir Zurückhaltung auf, wenn ich einen Menschen anspreche?

Der HERR sprach zu Noach: Geh in die Arche, du und dein ganzes Haus, denn ich habe gesehen, dass du in dieser Generation ein Gerechter vor mir bist!
Gen 7,1

Für die hungrige Meute müssen viele Kartoffeln geschält werden. Iova sitzt vor dem großen Topf, flink meistert sie die Arbeit. Sie schaut auf, grüßt mit einem frohen Blick und schält weiter. Das Essen muss pünktlich fertig sein, um halb eins kommen die Kinder vom Sozialzentrum und um eins die Lehrlinge aus den Werkstätten. Nach dem Essen wird das Geschirr gewaschen, Speisesaal und Küche werden geputzt, am Nachmittag wird genäht und gebügelt. Iova ist eine der jungen Roma-Frauen in der Hauswirtschaftsschule. Die Schülerinnen kommen aus verwahrlosten Häusern, die Familien kämpfen ums Überleben. Zuhause gibt es kein Wasser und auch keine Uhr. Täglich ringen wir mit den Schülerinnen, dass sie regelmäßig kommen und pünktlich sind. Bei dieser Flut von Schwierigkeiten und Misserfolgen – welches Glück ist Iova! Sie ist zuverlässig, lernt jeden Tag dazu und sieht auch selbst, was zu tun ist. Sie hat eine schwierige Familie. Der Bruder setzt sie unter Druck, Kinder aus der ersten Beziehung machen Probleme, ihre zwei Kleinen wollen nicht in die Schule gehen – und trotz der Widerstände hält sie ihr Haus in Ordnung und sorgt für alle. Am liebsten würde ich ihr um den Hals fallen und ihr immer Danke sagen, denn sie tut mir gut. Jetzt aber danke ich ihr nur für das gute Essen, das sie für die vielen Schützlinge kocht. Iova freut sich über das Lob, auch weil ich es vor den Kolleginnen ausgesprochen habe. Dem Küchenchef sage ich, er soll ihr heute eine große Wurst für die Familie mitgeben. Auch er lobt Iova und schlägt vor, ihr eine Prämie für ihren Einsatz zu geben. Vielleicht kann sie manche aus der unsteten Schar zur Verlässlichkeit führen? Denn sie ist eine von ihnen und kennt ihre Not. Sie ist eine Säule in unserem Werk.

Vor Iova habe ich mich zurückgehalten und nur gelobt, was sie gerade tut. Es ist ein entscheidender Unterschied, ob ich mit jemandem oder über jemanden rede. Damit meine ich nicht, dass man jemanden in Abwesenheit schlecht macht, vielmehr bezieht es sich auf das Gute. Die direkte Anrede verlangt Fingerspitzengefühl und Zurückhaltung. Wenn ich anderen davon berichte, kann ich meinem Herzen freien Lauf lassen.

Auf diese Differenz weisen die kompetenten Rabbinen bei der Erklärung unseres Verses hin. „Äußere nur einen Teil des Lobes in der Gegenwart eines Menschen, das ganze Lob des Menschen magst du in seiner Abwesenheit aussprechen.“ (J. H. Hertz) Wenige Verse vor dem heutigen heißt es in der Bibel: „Noach war ein gerechter, untadeliger Mann unter seinen Zeitgenossen; er ging mit Gott.“ (Gen 6,9) In der direkten Anrede Gottes an Noach ist dasselbe Wort über den Gerechten sparsamer: „… dass du in dieser Generation ein Gerechter vor mir bist!“

Lob kann überfordern und erschlagen. Nicht alles auszusprechen lässt dem Geheimnis der Beziehung und dem Wachstum Raum. Ich definiere den anderen nicht, sondern motiviere ihn. Ich mache mich nicht zum Herrn über die anderen, der sie einteilt und durchschaut, vielmehr schätze ich sie und habe Ehrfurcht vor ihnen.

Ich sage der Schülerin nicht all das Gute, das ich über sie denke. Es bleibt eine positive Reserve.
Wo lege ich mir Zurückhaltung auf, wenn ich einen Menschen anspreche?