Die Gefahr muss beseitigt werden?

Georg Sporschill SJ

Welche Menschen werden heute ungerechtfertigt zu Übeltätern gemacht? Welche Angst steckt dahinter?

Sie antworteten ihm: Wenn er kein Übeltäter wäre, hätten wir ihn dir nicht ausgeliefert.

Joh 18,30

„Hast du die Delle gesehen?!“ Matei führte mich zu unserem VW-Bus. Tatsächlich, da hatte jemand beim Rückwärtsfahren wohl einen Pfosten gerammt. Triumphierend zeigte Matei mir den Schaden. „Wer war das?“, fragte ich. „Eure Elisabeth! Sie fährt so schlecht, dass sie das Auto bald ganz kaputt macht. In jeder Kurve bremst sie, sie hat keine Ahnung, das ist gefährlich.“ Matei legte los und verlor sich in den Details der Fahrkunst. Außerdem habe sie neulich auch die Autopapiere eingesteckt und sei von der Polizei kontrolliert worden, ohne Dokumente. Matei ist ein hervorragender Fahrer, manchmal recht schnell, aber sicher. Er liebt alle Autos und Traktoren und sieht sie als sein Eigentum, das niemand antasten darf. Da unser Werk wächst, ist es nun immer wieder geschehen, dass statt Matei ein anderer Fahrten übernehmen musste. Er hätte es allein nicht mehr geschafft, trotzdem war er jedes Mal tödlich beleidigt. Und nun hatte Elisabeth, die er besonders ablehnte, weil sie ihn oft ersetzte, endlich einen Fehler gemacht! Tagelang wurde der Blechschaden am Auto von ihm gefeiert.

Der Triumph des Autofahrers, der die Übeltäterin bloßgestellt hat, leitet über zur Szene im Hof vor dem römischen Gerichtsgebäude. Hier skandiert eine Meute organisierter Schreihälse gegen den gefesselten Jesus, an dem der Gerichtsherr keine Schuld finden kann. „Sie antworteten ihm: Wenn er kein Übeltäter wäre, hätten wir ihn dir nicht ausgeliefert.“ Warum haben die Hohepriester die Leute so aufgehetzt? Was ist das Böse, das Jesus getan hat? In den Augen seiner Gegner hat er das jüdische Volk in Gefahr gebracht. Wie viele andere Revolutionäre vor ihm behauptete er, König der Juden zu sein, ein Messias. Immer wenn ein Revolutionär in der Zeit der römischen Besatzung in Israel den Führungsanspruch erhob, wurden die religiösen Autoritäten nervös. Die weltliche Autorität lag ja bei den Römern. Sie hatten als Besatzungsmacht die Hoheit über Militär, Gerichtsbarkeit und Steuern. Im Falle Jesu nennt Kaiaphas, einer der Hohepriester, die Gefahr beim Namen und macht einen Vorschlag, der vernünftig klingt. „Es ist besser, wenn einer für das Volk stirbt als das ganze Volk zugrunde geht.“ Der Hohe Rat opfert Jesus und drängt ihn dem römischen Gericht geradezu auf, um das Risiko zu bannen. In aller Frühe wird Pöbel zusammengetrieben, der von Pilatus die Verurteilung Jesu fordert. Etwa hundert Claqueure sollen es gewesen sein, und nicht „die Juden“, wie der Text im Evangelium tragischerweise oft verstanden wurde. Die Gefahr, die von Jesus nach Einschätzung des Hohenpriesters ausgeht, macht ihn zum Übeltäter, der beseitigt werden soll.

Der Autofahrer tat alles, um ein Mädchen zur Übeltäterin zu erklären, weil es ihn störte, dass die Anfängerin „sein“ Auto fuhr. Ähnlich wie „die Juden“, die Angst vor dem Aufrührer Jesus hatten, der die Besatzungsmacht hätte provozieren können. In der Angst beschuldigt man gern andere.

Welche Menschen werden heute ungerechtfertigt zu Übeltätern gemacht? Welche Angst steckt dahinter?