Die Frage am Gartentor

Georg Sporschill SJ

Wen suchst du? Die Menschen, die in meinen Blick kommen, bringen mich dazu, mich selbst zu entdecken.

 
Jesus, der alles wusste, was mit ihm geschehen sollte, ging hinaus und fragte sie: Wen sucht ihr?
Joh 18,4

 

Jesu Schüler sahen in ihm einen Lehrer und Wundertäter, aber nicht mehr. Petrus verleugnete ihn, als sich das Netz um ihn zusammenzog und es neben ihm gefährlich wurde. Als Einziger war Judas überzeugt, dass Jesus der Messias war und seine göttliche Macht zeigen würde – wenn man ihm dazu nur die weltlichen Wege öffnete. Er musste also erreichen, dass Jesus der politischen Macht – dem römischen Statthalter Pilatus – gegenüberstand. Dann würde er das Volk von der Unterdrückung befreien und die Mächtigen vom Thron stürzen. Judas verhandelte mit den römischen Soldaten und erreichte, dass der Messias, an den er glaubte, in die Hände der Besatzer fiel. Aber dann lief alles anders als geplant. Es nahm ein schreckliches Ende. – So beschreibt Amos Oz in seinem Roman „Judas“ die Gestalt des Jesus-Anhängers, eingepackt in die Liebesgeschichte des Schmuel Asch im heutigen Jerusalem, begleitet von der Geschichte einer modernen Judas-Gestalt in der politischen Auseinandersetzung zwischen Zionismus und einem Israel, in dem zwei Völker miteinander leben.
Judas sucht in Jesus den Messias. Die Tempelelite in Jerusalem wiederum sieht in Jesus den Freigeist, der ihre Tradition in Frage stellt, und will seine Stimme ersticken. Die Römer sehen in ihm den Unruhestifter, sie wollen den Aufrührer aus dem Weg schaffen, um keinen Aufstand zu riskieren.

„Wen sucht ihr?“, fragt Jesus, als er aus dem Garten, wohin er sich mit seinen Schülern nach dem Fest zurückgezogen hatte, hinausgeht. Damit stellt er den römischen Soldaten, den Gerichtsdienern der Hohenpriester und der Pharisäer die Frage, was sie von ihm erwarten. Suchen sie ihn als Gesprächspartner oder Gegner, vor dem sie sich fürchten? Wofür setzen sie sich ein? Oft wurde Jesus aufgesucht: vom Pharisäer Nikodemus, der mit ihm eine Nacht lang Glaubensfragen diskutierte. Nach der Brotvermehrung suchten ihn die Leute in Kafarnaum, weil sie mehr von dem Brot haben wollen. Die einen sagten: Er ist ein guter Mensch. Andere meinten: Nein, er führt das Volk in die Irre. Wen suchst du, fragt der Auferstandene Maria, die am leeren Grab steht. Weil sie den Geliebten sucht, erkennt sie Jesus.
„Des Nachts auf meinem Lager suchte ich ihn, den meine Seele liebt“, singt das schöne Mädchen im Hohelied der Liebe – und findet seinen Freund. Er wiederum deckt in ihr die Schönheit auf: „Dem Riss des Granatapfels gleicht deine Schläfe.“

Wen sucht ihr? Diese Frage provoziert die Schergen am Gartentor in Gethsemane. Wen suchst du? Diese Frage geht an Judas, der Jesus der Welt übergibt. Diese Frage richtet sich auch an mich. Angesichts der Flüchtlinge, die aus Krieg und Terror in unser Land drängen, in eine Gesellschaft von Reichtum und Übersättigung. Angesichts der Roma, die in Europa keine Heimat finden. Wen suche ich? Was will ich? Die Menschen, die in meinen Blick kommen, bringen mich dazu, mich selbst zu entdecken. In der Vielfalt der Interessen und Wünsche finde ich, was mein tiefstes Anliegen ist.