Die Folgen eines Sprachspiels

Georg Sporschill SJ

Was willst du mit deinen Worten? Nichts sagen, Stellung nehmen oder anderen etwas unterstellen?

Die Hohepriester der Juden sagten zu Pilatus: Schreib nicht: Der König der Juden, sondern dass er gesagt hat: Ich bin der König der Juden.
Joh 19,21

„Was kann ich dafür, dass mein Vater ein Schwein ist?!“ Oft hatte ich mit Antonia über ihre Familie gesprochen. Sie klagte über den dominanten Vater, über seine Allgegenwart, über seine außerehelichen Beziehungen, die die Mutter ertragen und die Kinder aushalten mussten. In vielem hatte sie Recht, doch ich hütete mich, sie auch nur im Geringsten zu bestätigen. Ich kannte die Eltern gut und versuchte, Verständnis zu wecken. Vielleicht könne Antonia, gerade erwachsen geworden, den Eltern in ihren Schwierigkeiten helfen, statt sie zu beschimpfen? Schließlich lebe sie auch von deren großen Leistungen. Eines Abends erzählte sie mir wieder, wie der Vater sich in ihre persönlichen Beziehungen eingemischt habe. Mir entfuhr die Bemerkung, dass er da wohl zu weit gegangen sei. Wenige Tage später rief mich die Mutter an und beschimpfte mich. Sie lasse nicht zu, dass ich so über ihren Mann rede. Wie? Ich verstand ihre Wut erst, als ich las, was die Tochter an ihre Mutter geschrieben hatte; die Mail hatte mir die Mutter weitergeschickt: „Frag den Pater Georg, was er über Vater denkt: Er ist ein Tyrann, er ist an allem schuld.“

Die junge Frau hat ihre Aggressionen mir unterschoben, als ob ich sie gesagt hätte. Das böse Sprachspiel mag erklären, warum die Hohepriester der Juden Wert darauf legten, dass Pilatus schreiben solle: „dass er gesagt hat …“. Es sei zu wenig, was auf dem Schild am Kreuz über Jesus stehe. Pilatus aber lehnte die Hinzufügung der scheinbar beiläufigen Worte ab. Ein Grund dafür könnte sein, dass er die Hohepriester provozieren wollte, indem er ihnen vor Augen führte, dass es einen König der Juden gebe, der ihre Macht als Hohepriester in den Schatten stelle. Der Zynismus könnte auch darin liegen, dass er ihnen diese innerjüdische Auseinandersetzung vor Augen führte. Der tiefere Grund aber dürfte wohl sein, dass die Hohepriester ahnten, welche politischen Folgen der Königstitel haben würde, offiziell in den damaligen drei Landessprachen angeschlagen. Aus dem ganzen Römischen Reich waren viele Tausend Pilger zum Osterfest nach Jerusalem geströmt und sahen sich nun konfrontiert mit dem Spruch des römischen Präfekten: Das ist der König der Juden. Die Konsequenzen wurden schon fünfzig Tage später deutlich, als sich beim Pfingstfest dreitausend dieser Pilger als Anhänger dieses Königs deklarierten und damit die Hohepriester und ihr Urteil ins Unrecht setzten. Das Interesse der Hohepriester daran, wie die Schuld des Gekreuzigten formuliert werden sollte, zeugt im Rückblick von ihrem machtpolitischen Gespür. Der römische Präfekt hatte, aus welcher Motivation auch immer, die Bedeutung Jesu festgehalten: Der gekreuzigte Jesus ist der König der Juden. An ihm sollen sich künftig die Geister unterscheiden. Willst du dich ihm anvertrauen, ihn anklagen oder dich heraushalten?

Worte sind Versteck oder Bekenntnis. Bei Pilatus und der jungen Frau entzündet sich die Botschaft an der Frage, wer was gesagt hat. Was willst du mit deinen Worten? Nichts sagen, Stellung nehmen oder anderen etwas unterstellen?