Die ewige Schuldfrage

Ruth Zenkert

Wo werden Menschen vom einen zum anderen weitergereicht, bis es tragisch endet? Wo muss ich die Stimme erheben und böse Entwicklungen stoppen?

Danach schickte ihn Hannas gefesselt zum Hohenpriester Kajaphas.

Joh 18,24

 

Strömender Regen, zwanzig Roma-Frauen drücken sich an die Mauer des Rathauses, um nicht ganz durchnässt zu werden. Mit nur fünf Hacken sollen sie den kleinen Park sauber machen, damit die Bevölkerung später durch Frühlingsblumen erfreut wird. Der Aufseher hat sich ins Gebäude auf einen warmen Kaffee zurückgezogen und schreibt die Anwesenheitsliste. Die Frauen sind zu dieser Arbeit verpflichtet. Wer nicht da ist, bekommt die Sozialhilfe nicht ausbezahlt.

Manchen Familien können wir helfen. Dana, eine junge Mutter mit drei Kindern, bekommt von ihrem Mann, der Kühe hütet, nicht genug Geld, um die Familie zu ernähren. Sie geht allen voran im Projekt „Das saubere Dorf“ und sammelt mit fünf Frauen jeden Tag den Müll auf den Wegen ein. Sie will keine Almosen und keine Kleiderspenden, sie will etwas tun. Für ihren Dienst bekommt sie Lebensmittel von uns. Nun hat eine bösartige Rumänin im Dorf sie angezeigt: Schwarzarbeit. Die Kontrolle kam, auch zu uns. Erste Konsequenz: sofortige Einstellung der Dorfreinigung. Zweite: keine Lebensmittelausgabe erlaubt. Dritte: Geldstrafe für die fleißige mittellose Mutter und für die Organisation. Wir rückten mit Juristen an, um dem Beamten zu erklären, dass es sich hier nicht um Profit oder Steuerhinterziehung handle. Wir täten lediglich dasselbe wie der Bürgermeister. Der Beamte war verständnisvoll, leider aber sei das Verfahren schon im Laufen.

Die ewige Schuldfrage, auch bei Jesus. Wer ist schuld an seinem Tod? Bis heute untersucht man die historische Wahrheit. Viele waren beteiligt, es war ein Zusammenspiel einer jüdischen Gruppe mit römischen Soldaten und dem Machthaber. Den Christen wäre es am liebsten gewesen, die Juden als Mörder ihres Heilands anzuprangern. Historiker weisen heute jedoch nach, dass die Juden gar nicht die Möglichkeit dazu hatten. Jesus wurde von einer Horde – römische Soldaten im Beisein von religiösen Eiferern –  festgenommen und zum Hohepriester gebracht. Zunächst kam Jesus zu Hannas, dem ausgedienten Hohepriester. Der war politisch machtlos, verhörte ihn, ließ ihn fesseln und schickte ihn zum diensthabenden Hohepriester Kajaphas. Auch dieser hatte keine weltliche Macht, er verwahrte Jesus in seinem Haus und ließ ihn am frühen Morgen vor den römischen Statthalter Pilatus bringen. Sie alle sprachen kein Urteil, sondern spielten nur den Ball weiter und brachten damit das Unheil ins Rollen.

Beim Prozess um Jesus waren viele beteiligt, keinem war bewusst, was er auslöste. Diejenigen, die Macht hatten, waren zu feige, den Irrsinn zu stoppen. Ähnlich scheint mir der Vorfall um Dana. Es gäbe einige, die mit Vernunft und Mut für sie einstehen könnten. Am 8. April ist der Internationale Tag der Roma. Wer tritt heute für sie ein?

Wo werden Menschen in Fesseln gelegt und von einem zum anderen weitergereicht, bis es tragisch endet? Wo kann ich in meiner Ohnmacht die Stimme erheben und böse Entwicklungen stoppen? Für wen muss ich eintreten?