Die Botschaft des Blutes

Ruth Zenkert

Wo finde ich den Faden, an dem das Leben hängt?

Nur Fleisch mit seinem Leben, seinem Blut, dürft ihr nicht essen.
Gen 9,4

Knuspriges Schwarzbrot konnte sie backen. Apfelkuchen, Quiche und Pizza. Elena war in unserer Bäckerei die beste Schülerin, sie hatte bald schon eine Gruppe von jungen Frauen angeleitet. Eine hübsche Roma-Frau, die mit ihrer Aufgabe gewachsen war. Dann kamen Tage, an denen sie nicht mehr zur Arbeit erschien. Ich klopfte an ihre Tür und es erklärte sich von selbst, warum sie sich versteckt hatte. Blau geprügelt, mit geschwollenem Auge, spähte sie ängstlich durch den Türspalt. „Leise! Er darf nicht aufwachen!“ flüsterte sie und kam heraus. Georgel hatte ihr das verdiente Geld werggenommen und war seither mit Freunden jeden Abend in der Bar, kam betrunken nach Hause und schlug sie. Jetzt gerade schlief er seinen Rausch aus. „Warum bist Du nicht zu uns gekommen oder hast die Polizei geholt?“ warf ich ihr vor. Am nächsten Tag kam sie wieder zur Arbeit. Seit das Geld ausgegangen war, war Georgel nüchtern und sie versöhnten sich. Wenn Elena in die Bäckerei kommt, strahlt sie und packt zu. Am Abend putzt sie alles sauber, sie steckt die anderen mit ihrem Fleiß an. Bei der nächsten Gehaltszahlung gab sie das Geld der Nachbarin zur Aufbewahrung. Doch dann gab es wieder ein Skandal. Elena floh mit den Kindern zu Verwandten, immer wieder tauchte sie unter, weil sie Angst vor ihm hatte. Trotz der Gewalttaten kam Elena nicht von Georgel los. Wir redeten ihr zu, boten Hilfe an – aber warnten sie auch, dass sie irgendwann ihren Arbeitsplatz verliert, wenn sie so oft nicht kommt. Wir bauten eine weitere Schülerin auf, die in der Bäckerei arbeitete, damit wir unsere Sozialzentren mit Brot versorgen konnten. Elena hatte immer mehr Ausreden – kranke Kinder, Behördengänge, wir verloren mehr und mehr die Geduld. Ist sie noch zu retten? Sollen wir sie fallen lassen? Dann kam sie wieder. Und backte voll Freude, und besser als ihre Kolleginnen. Ihr Leben und das ihrer Kinder darf nicht zerstört werden. Elenas Leben hängt an einem Faden, das Backen kann sie retten.

Blut steht in der Bibel für Leben. Dass der Genuss des Blutes von Tieren verboten ist, soll heißen: Ehrfurcht vor dem Leben zu haben, Leben nicht zerstören oder wegwerfen. Positiv gesagt gebietet „das Blut“, das Leben zu suchen und dem Leben zu dienen. Vordergründig bedeutete damals das Verbot, Fleisch mit seinem Blut zu essen, eine Barriere gegen die Tierquälerei, wie es sie in der heidnischen Umwelt Israels gab. Und auch heute noch gibt in der Massentierhaltung oder bei Tiertransporten und Tierversuchen. Dagegen fordert die Bibel Achtsamkeit für jedes Leben von Tier und Mensch. Das Gebot „Nur Fleisch mit seinem Leben, seinem Blut, dürft ihr nicht essen“ soll unsere Augen für das Leben öffnen, will Gewalt und Missbrauch abwenden. Und uns dazu bringen, Spuren des Lebens zu finden und zu stärken.
Elena hat die Übertretung des Gebotes am eigenen Fleisch erlitten. Unsere Aufgabe ist es, ihr Gelegenheiten zu bieten, bei denen sie ihre Fähigkeiten zeigen kann. Bis sie so erstarkt, dass sie nicht mehr blutig geprügelt werden kann.

In der Aussichtslosigkeit, gegen Gewalt und Abhängigkeit hilft moralisches Gerede, Verurteilung und Besserwisserei nicht. Es geht nur um das genaue Hinsehen. Wo finde ich den Faden, an dem das Leben hängt?