Die Arche füllt sich

Ruth Zenkert

Bei einem Unternehmen – wen nimmst du mit ins Boot? Bei der Hilfe für einen – wer gehört dazu?

Genau an jenem Tag waren Noach, die Söhne Noachs, Sem, Ham und Jafet, Noachs Frau und mit ihnen die drei Frauen seiner Söhne in die Arche gegangen.
Gen 7,13

 

Über die Hügel oder auf der Straße: Von welcher Seite wir auch nach Ziegental kamen, als Erste lief uns Andrea entgegen. Die kleine Streunerin, mehr Bub als Mädchen, dunkles Gesicht mit leuchtenden Kugelaugen, nahm uns bei der Hand, zerrte und hüpfte, erzählte die neuesten Geschichten aus dem Dorf. In der Schule konnte sie keine fünf Minuten stillsitzen, ging aus und ein, wie sie wollte. Andrea begleitete uns zum Sozialzentrum, zur Romasiedlung, sie winkte uns nach, wenn wir wieder wegfuhren. Was sollten wir tun, damit das Mädchen in die Schule ging? Die Eltern wussten keinen Rat, sie sei „einfach schlecht“. Auch mit den anderen Kindern hatten sie Sorgen. Die älteste Tochter schleppte schon etliche Kinder von verschiedenen Männern mit sich herum. Immer wieder kam sie mit der ganzen Schar zurück in die kleine Hütte, die ohnehin schon voll war. Der einzige Sohn wollte weder lernen noch arbeiten, er lag meistens in der Ecke und schlief. Roxi kam nachts oft nicht nach Hause. Ihre Hoffnung, so die Eltern, sei Bela, die Jüngste.
Wie sollte in diesem trostlosen Umfeld ein Kind in die Schule gehen können? Ursprünglich wollten wir nur Andrea helfen, jetzt begann ein ganzes Familienprojekt. Mit den Eltern wurde der Hof sauber gemacht und ein Haus gebaut. Jetzt hatten sie eine warme und gute Unterkunft. Die Kinder der großen Tochter wurden in ein Heim gebracht. Der Bub begann als Lehrling in der Landwirtschaft und landete schließlich als Hirte bei einer Schafherde. Roxi und Bela kamen ins Sozialzentrum, um Hilfe bei den Hausaufgaben zu bekommen. Andrea schaffte es auch jetzt nicht, in die Schule zu gehen, aber sie begann in der Küche mitzuhelfen. Sie fand Freude am Kochen und vor allem daran, den Kindern im Sozialzentrum das Essen zu geben und zu sehen, wie es ihnen schmeckte. Wenn ihre Schwester Bela nicht zum Lernen kam, lief sie durch das ganze Dorf, um sie zu holen.
Eines Tages kam die Mutter aufgeregt zur Sozialarbeiterin, sie müsse unbedingt mit jemandem reden. Roxi war schwanger, mit fünfzehn Jahren. Bald darauf stellte der Frauenarzt fest, dass sie Zwillinge erwartete. Wir hatten drei Schützlinge mehr – die Babys und ein zu junger Vater, der mit allem nichts zu tun haben wollte. Ein gutes Jahr später kamen noch zwei dazu. Nun liegt Sofia – eine kleine wilde Zigeunerin mit dunkler Haut und leuchtenden Kugelaugen – in den Armen ihrer Mutter Andrea. Dazu kommt der junge Nachbar, der lernen soll, Verantwortung für seine Tochter zu übernehmen. Die Arche füllt sich.

Es geht uns wie Noach, „genau an jenem Tag“, als er in die Arche ging. Nicht er wurde gerettet, sondern seine ganze Familie, die Frau und die drei Söhne mit ihren Frauen. Und sie sollten Retter für die untergehende Welt werden. Gott hat nicht eine einzelne Figur als sein Werkzeug herausgegriffen, sondern die ganze Familie in Anspruch genommen. Wer helfen will, braucht einen Blick für das Beziehungsnetz, von dem Helfer und Hilfsbedürftige getragen oder festgehalten sind. Andrea, ihre Familie und die Romasiedlung.

Bei einem Unternehmen – wen nimmst du mit ins Boot? Bei der Hilfe für einen – wer gehört dazu?