Der Zeitpunkt, an dem ich meine eigenen Pläne gemacht habe

Georg Sporschill SJ

Wer hat mich zum Laufen gebracht? Wann ist der Funke auf mich übergesprungen? Welche Bitte habe ich heute im Herzen?

Bis jetzt habt ihr noch nichts in meinem Namen erbeten. Bittet und ihr werdet empfangen, damit eure Freude vollkommen ist.
Joh 16,24

Schon von weitem sah ich, dass Ghiza wieder weg war. Am Tag zuvor hatten wir gemeinsam den Hof aufgeräumt. Die Mutter hatte Berge von Kleidern gewaschen, trotz Regen hing die Wäsche kunterbunt zum Trocknen auf den Zaunpfählen. Mit Steinbrocken war ein Pfad zum kleinen Haus gelegt, damit nicht mehr der ganze Schlamm hineingetragen wurde. Drinnen hatten wir gefegt und alles vom Boden in den Kasten geordnet. Die Großen hatten mir und der Mutter geholfen, nur Ghiza ging aus und ein, verschwand, rührte keinen Finger. Ich hatte ihn gebeten, wenigstens den Müll, den wir vor dem Haus angesammelt hatten, mit dem Pferdewagen des Nachbarn zur Grube hinauszufahren. Er hatte es versprochen, aber der Müllhaufen lag noch da, inzwischen von den Hunden aufgewühlt und über die ganze Straße verstreut. Von Ghiza keine Spur. Wie immer räumten wir den Dreck weg, mit dem Pferd des Nachbarn. Dann tauchte Ghiza auf. Er war im Dorf gewesen. Begeistert erzählte er, dass er mit einem Freund verhandelt hatte. Er werde sich selbst ein Fohlen kaufen, damit er durch Fahrten und Pflügen bei den Bauern Geld verdienen könne. Dazu musste er nun den Stall herrichten. Das Dach war schon lange eingestürzt. Er brauchte neue Balken. Ich versprach ihm, dass er sie sich bei uns verdienen könne, wenn er in Haus und Hof mithelfe. Seither war Ghiza nicht mehr wiederzuerkennen. Er teilte die Geschwister ein zum Saubermachen, holte Wasser vom Brunnen, schaffte den Müll fort, ohne dass ich ihm ein Wort sagen musste, bis er sich die Balken und neue Dachziegel verdient hatte. Wir brachten das Baumaterial zu ihm und halfen ihm, das Dach zu bauen. Ghiza brachte Stroh, einen Haufen Maiskolben, Heu, und bald stand ein junges Fohlen im Stall. Als ältester Sohn der zwölfköpfigen Familie wird er jetzt ein wenig mithelfen können, dass jeden Tag Brot im Haus ist.

Erst als Ghiza eine Perspektive für sich sah, konnte er zupacken. Dann konnten wir ihm helfen, seine Wünsche zu erfüllen. So mag es auch Jesus mit seinen Schülern gegangen sein. Jahrelang lehrte er sie in Wort und Tat, manches hat gegriffen, manches weniger. Bis der Zeitpunkt gekommen war, dass sie selbst umsetzen konnten, was er ihnen beigebracht hatte. „Bis jetzt habt ihr noch nichts in meinem Namen erbeten. Bittet und ihr werdet empfangen“ – Jesus schickte seine Schüler in die Welt, um sein Werk fortzusetzen. Er wusste, dass sie nur dann beginnen würden, wenn die Pläne ihrer eigenen Sehnsucht entsprangen und nicht mehr seiner Führung. Nach den Jahren, die sie mit ihm verbracht hatten, würden sie „in seinem Namen“ ihre Ziele verwirklichen.

Wer hat mich zum Laufen gebracht? Wann ist der Funke auf mich übergesprungen? Wann habe ich mit eigenen Plänen begonnen? Welche Bitte habe ich heute im Herzen?