Der vollendete Beginn

Max Heine-Geldern SJ

Über den feierlichen Moment zwischen Geschaffenem und Neuem.

So wurden Himmel und Erde und ihr ganzes Heer vollendet.

Gen 2,1

Es war vollbracht. Kaum war der letzte Handgriff getan, trafen die ersten Gäste ein. Afrikanische Musik erklang, gut hundert Kinder liefen umher und feierten zusammen mit zwanzig müden jungen Erwachsenen. Mitten im Township Orangefarm, unweit von Johannesburg, stachen wir Österreicher wie Aliens hervor, und auch der neu errichtete Kindergarten glich einem Ufo. Weit und breit war es das einzige Gebäude mit einem zweiten Geschoß. Es bot einen atemberaubenden Weitblick über die flache Gegend, wo man den Eindruck hatte, als würden Himmel und Erde sich berühren. Die südafrikanische Sonne nahm mit ihrem besonders warmen Licht den umliegenden Wellblechhütten etwas von ihrer Härte.

Vor sechs Wochen waren wir Architekturstudenten von Wien aufgebrochen. Davor hatten wir wochenlang gemeinsam geplant. Mit den ausgedruckten Plänen und Modellen sowie viel jugendlicher Motivation wollten wir binnen kürzester Zeit das Gebäude errichten. Die Vorgaben und notwendigen Informationen erhielten wir von einer Dachorganisation, die in dem Township systematisch die Infrastruktur entwickelte. Während der Apartheid gab es nämlich in diesen umliegenden Siedlungen weder Bildungs- noch Versorgungseinrichtungen. Sie wurden bewusst abhängig von der Stadt gehalten.

Wir begannen im Februar und kämpften von Beginn an gegen die Zeit. Starker Regen verzögerte die Fundierung. Zudem war nicht klar, wo die Grundstückgrenzen verliefen. Schließlich legten wir sie mit unseren Fundamenten fest. Auf festem Grund wuchs zügig der Holzbau. Für viele Bewohner war der Anblick arbeitender Weißer, wenn nicht verwirrend, dann zumindest belustigend. Verärgerte Reaktionen erlebten wir keine. Besondere Beachtung erregte die zweischalige Wellblechverkleidung, die nicht nur das Gebäude vor der Witterung schützen sollte, sondern durch den erzeugten Hohlraum eine kühlende Luftzirkulation bewirkte. Bis zum Schluss blieb die Farbwahl offen. Das war ein delikater Punkt, da half keine noch so ausgeklügelte Architekturtheorie. Mehrere Tage dauerte die emotionale Diskussion, bis wir uns auf zwei Farbflecken in Orange und Grün einigen konnten. Der Rest des Gebäudes blieb naturfarben.

An diesem frühen Abend war für uns die Arbeit vollendet. Und wir waren sehr stolz auf das Geschaffene und gespannt auf seine Annahme. In dieser Übergangsphase feierten wir mit den zukünftigen Nutzern. Vor allem die Rutsche, die steil vom ersten Stock herunterführte, zog die Kinder wie ein Magnet an. Die Schlange und das Jauchzen wollten nicht abreißen. Ihre Mütter freuten sich über die große Küche. Der Kindergarten bot genügend Raum für die Menschen, um sich auszubreiten.

Nach sechs Tagen hat Gott Himmel und Erde mit allem, was für das Leben notwendig ist, vollendet. Der Raum ist bereit für weitere Entfaltung, für Beziehung und fordert zur Mitgestaltung. In seiner Vollendung steckt der Beginn von Neuem.

Ein Jahr später erhielten wir Fotos vom Kindergarten. Überall waren spielende Kinder zu sehen. Und nirgends ein farbloser Fleck: Rot, Grün, Blau, Gelb wechselten sich spielerisch ab. Das Gebäude war wahrlich angenommen und weitergestaltet worden.