Der Tote im Bunker

Dominik Markl SJ

Ein Dank an Martin Pollack und Péter Esterházy

Gerechter Vater, die Welt hat dich nicht erkannt, ich aber habe dich erkannt und sie haben erkannt, dass du mich gesandt hast.
Joh 17,25

 

Was haben Graf Mátyás Benedek Esterházy de Galántha und Gerhard Bast gemeinsam? Beide sind in der schwindenden Aura des alten Österreich-Ungarn aufgewachsen. Beide waren sie Doktoren des Rechts. Beide wurden sie vom zwanzigsten Jahrhundert aufgefressen. Und beide haben einen Sohn, der dieses Gefressenwerden beschrieben hat. Gerhard Bast war der Vater von Martin Pollack, der leibliche, wie man so sagt. Und Bast war Chef der Gestapo in Linz. Unter anderem. Er wurde abgesetzt, weil er versehentlich den zwölfjährigen Alois Klaubauf erschossen hatte. Ein Jagdunfall. Und so eine unabsichtliche, fehlerhafte Tötung war nicht zu dulden, er musste gehen. Nach Osteuropa, als Führer von SS-Sonderkommandos, die eine blutrote Spur hinter sich herzogen, rot vom Blut von Zivilisten. Bast war im Einsatz, bis das Luftschloss der Nazis in sich zusammenkrachte, und er in Wäldern, auf Berghütten, schließlich auf einem Südtiroler Bauernhof untertauchte. Bis er beim Versuch, über den Brenner zu kommen, erschossen und in einen Bunker gezerrt wurde. Deshalb lautet der Titel von Pollacks Buch Der Tote im Bunker. Nicht nur deshalb, vermutlich.

Nachdem Péter Esterházy im Jahr 2000 seinem Vater Mátyás in Harmonia Cælestis ein literarisches Denkmal gesetzt hatte, als stillem Dulder der Brutalität des Kommunismus, besuchte er das Archiv der ungarischen Staatssicherheit. Wahrscheinlich haben sie uns bespitzelt, dachte er. Beim Aufschlagen der Akte jedoch erkannte er sofort die Handschrift seines Vaters. Der war selbst zum Agenten geworden, am 23. Februar 1957. „Ein bisschen kitschig, aber mir fiel ein: Wie schön wäre es, wenn an diesem Tag so viele Leute wie möglich für ihn beteten!“ Esterházy quälte sich durch die Akten, arbeitete an einer neuen (Liebes-)Beziehung zu seinem Vater. Und setzte in Verbesserte Ausgabe ein neues literarisches Denkmal. Was wollte er damit wirklich? „Nun… daß irgendwie alles sichtbar sein soll. Daß das ist, was ist, und daß es so ist, es sich herausstellte, daß es so ist.“

Lass deinen Vater und deine Mutter schwer sein, lautet eines der zehn Gebote. Lass sie ihr Gewicht haben, könnte man sagen. Und sie haben immer ein riesiges Gewicht; emotionales, psychisches – Lebensgewicht. Esterházy und Pollack haben ihren Vätern ihr Gewicht gelassen. Ihnen ein Denkmal ihrer Wichtigkeit verliehen, der Schwere, die von ihnen ausgeht. Sie haben ein Bild von ihren Vätern gezeichnet. Noch mehr sind sie selbst von ihnen gezeichnet.

Martin Pollack und Péter Esterházy, ich will euch ja nicht direkt mit Jesus vergleichen. Aber irgendwie schon. Immerhin hatte auch er keinen ganz einfachen Vater. Jedenfalls einen, zu dem man erst einmal stehen muss. Den man erst einmal ans Licht bringen muss. Und die Treue zum Vater hat Jesus, könnte man sagen, viel gekostet, letztlich das Leben. Péter Esterházy und Martin Pollack, dem Alter nach könnte ich euer Sohn sein. Bin sozusagen einer der dritten Generation und möchte euch Vertretern der zweiten Generation einfach nur Danke sagen für eure Bücher. Sie sind wichtig. Und ich wünsche euch alles Gute.