Der Rosenkavalier

Max Heine-Geldern SJ

Unscheinbar, doch unvergessen.

Die Ros ist ohn Warum. Sie blühet, weil sie blühet.

Sie acht nicht ihrer selbst. Fragt nicht, ob man sie siehet. (Angelus Silesius)

Die Altstadt von Genua zwängt sich zwischen Hafen und den steil aufsteigenden Apennin. Auf engstem Raum spielt sich hier das Leben ab. Kleine Obstläden, Werkstätten und Friseursalons wechseln sich ab mit hippen Bars, feinen Restaurants und finsteren Spelunken. Schulterbreite Gassen winden sich labyrinthartig durch das verbaute Gebiet. Wenn sie sich weiten, schaffen sie Raum für wundervolle Kirchenfassaden. Gerade in der sonstigen Enge lassen die überraschend großen Kirchenräume aufatmen. Nur wenige der eingesessenen Genovesen wohnen noch hier. Viele Häuser sind baufällig, trotzdem tönt Musik aus ihren Fenstern. Vor allem Migranten und Touristen beleben die engen Gassen. Die pulsierende Dichte ist faszinierend. Die unmittelbare Nähe von Arm und Reich, von strahlenden Geschäften und bröckelnden Mauern, der Duft von frischen Gewürzen und Katzenpisse, all das liefert ungeschminkte Eindrücke. Gelassen zieht der Schuhverkäufer an seiner Zigarette, während er amerikanischen Touristen seine Ware anbietet. Fluchend bahnt sich ein Mann auf dem Motorroller seinen Weg durch die Massen. Zwei Männer in Anzügen kippen filmreif ihre Espressi und eilen weiter. Mitten in diesem Gewirr stehen Prostituierte in den schmalen Gassen um die Straße Maria Maddalena und warten auf ihre Freier. Es ist nicht zu übersehen: Genua ist ein Melting Pot, ein Mikrokosmos, in dem sich die verschiedensten Seiten des Menschen ausleben.

Eine der schönsten zeigte mir ein junger Mann. Er ging vor mir in einer besonders engen Gasse, mit drei Rosen in der Hand. Zielstrebig ging er auf drei Prostituierte zu, die gerade mit ein paar Männern sprachen. Ohne Worte, mit einer kleinen Verneigung, übergab er jeder eine Rose und zog weiter seines Weges. Diese Geste war so unaufdringlich, geradezu schüchtern, dass ich zunächst nicht sicher war, ob sie wirklich geschehen war. Aber die drei Frauen hatten noch immer die Rosen in der Hand. Der junge Mann war verschwunden. Wir blickten einander an. Wer von uns wohl verblüffter dreinschaute? Ein stiller Moment Ewigkeit. Langsam veränderte sich bei einer der Beschenkten ihr Blick in ein freudiges, sanftes Strahlen. Die nach vorne hängenden Schultern richteten sich leicht auf, ihr Hals streckte sich, ihr Kinn hob sich. Ein Hauch von Stolz zeigte sich. Staunend, ergriffen tauchte ich wieder in den Alltag.

Heute, vor dem kleinen Kind in der Krippe, habe ich erneut die Geste des Rosenkavaliers vor meinem inneren Auge. Was hat sie verändert? Ging doch unser Alltag nahtlos weiter. Wäre der junge Mann darüber enttäuscht? Raubt die scheinbare Sinnlosigkeit seiner Tat ihre Schönheit? Sie ist so unscheinbar geschehen, unaufgeregt und doch voller Liebe. Kein Hauch von Bewertung lag in seiner Bewegung. Kein Warum zwängte sich in die Begegnung. Eine friedvolle Freiheit schwang mit ihr mit. Seine Geste hat mich ergriffen und blüht noch weiterhin in mir. Sie öffnet mich für die Botschaft des Kindes in der Krippe und lässt mich über das kleine Blümlein staunen, in dem sich Gott mir schenken will.