Der Rabe mit dem Notenschlüssel

Georg Sporschill SJ

Die Kehrseite der Menschlichkeit. Mit Worten aus einer anderen Welt machst du dich nicht beliebt.

Ich habe ihnen dein Wort gegeben und die Welt hat sie gehasst, weil sie nicht von der Welt sind, wie auch ich nicht von der Welt bin.
Joh 17,14

Unser Sommerfest vereinte letzte Woche über tausend Gäste. Die Musikschüler, verstärkt durch österreichische Freunde, zeigten, was sie im letzten Schuljahr gelernt hatten, und brachten alle zum Tanzen: Rumänen, Roma, Siebenbürger Sachsen und die Ausländer. Der orthodoxe Pfarrer tanzte mit den braunen Damen in bunten Röcken, der französische Akrobat baute mit den Jugendlichen eine dreistöckige Menschenpyramide, die Bäckerinnen aus Ziegental bewirteten alle mit Schwarzbrot und Schafkäse.

Letztes Jahr suchten wir einen Namen für das musikalische Sommerfest. Die Vorschläge „Musik heilt“, „Stimme des Kindes“, „Sommersymphonie“ schmetterte ich ab. Da tauchte das Wort „Rabentanz“ auf, es erhitzte die Gemüter. Der Rabe ist hier eines der ärgsten Schimpfworte für die Roma. Rabentanz – unmöglich! Unsere Mitarbeiter sträubten sich: „Alle glauben, es sei ein Zigeunerfest. Ich kann meine Freunde nicht dazu einladen.“ Ich gab mir noch eine Nacht zum Nachdenken. Sollten wir einen „weichen“ Titel wählen, um bei „den Rumänen“ keinen Anstoß zu erregen? Mit den frühen Sonnenstrahlen wachte ich auf: Gerade weil sich alle wehrten, MUSSTE der Name Rabentanz lauten. Gegen alle Meinungen verkündete ich meine Überzeugung. Sie schwiegen. Noch mehr, als wir die Grafik vorstellten, die ein Freund entworfen hatte: auf rotem Grund einen Kreis schwarzer Raben, einer davon mit einem Notenschlüssel im Schnabel. Bald darauf war ein Kampf um die schönen T-Shirts mit dem Emblem der Raben entbrannt. Das ganze Dorf – nicht nur die Roma – trägt sie heute. Der Rabentanz – Dansul Corbilor – ist dieses Jahr schon zu einem positiven Begriff geworden. Ich bin glücklich, dass wir den Mut zum Raben hatten. Obwohl anfänglich alle das Wort abgelehnt haben, so wie sie die Roma „hassen“. Die Roma-Leute spüren die Solidarität im Zeichen des Raben, der laut Bibel dem Propheten Elijah das Leben rettete. „Die Raben brachten ihm Brot und Fleisch am Morgen und ebenso Brot und Fleisch am Abend.“ Der Rabe ist zu unserem Symbol geworden.

Weltfremde Worte, wie der Rabe in Rumänien (Krähe, cioara), bringen Schwierigkeiten mit sich. Aber sie stiften eine Gemeinschaft, wie sie die Welt nicht geben kann. Materielle Interessen und egoistische Ziele schaffen Verbindungen, die sich verflüchtigen, wenn die Zeiten sich ändern. Anders ist es bei jenem Wort, das Widerstand hervorruft. Das Wort für die Bettler, das Wort für die Ausländer, das Wort für die, die anders sind als wir, das Wort für die Flüchtlinge. Diese Worte „provozieren“ die Stimme des Volkes, die geradezu zu einem Echtheitskriterium für Worte aus einer anderen Welt wird. Nicht aus der Welt zu sein wie Jesus bedeutet, auf der Seite des Ewigen zu sein, um für Zukunft für jene zu sorgen, denen dies aus eigener Kraft nicht möglich ist. Jesus preist jene selig, die um der Gerechtigkeit willen in Schwierigkeiten kommen und wie er „beschimpft, verfolgt und verleugnet“ werden. Wie die Propheten werden sie „großen Lohn im Himmel“ empfangen, einem Himmel, der nicht nach dem Tod, sondern in diesem Leben als Qualität gegenwärtig ist.