Der neue Tag beginnt im Abendlicht

Ruth Zenkert

Welches Licht nehme ich in die Nacht mit? Mit welchen Gedanken schlafe ich ein?

Und Gott nannte das Licht Tag und die Finsternis nannte er Nacht. Und es wurde Abend und es wurde Morgen: erster Tag.

Gen 1,5

Gabi war ein Star. Sie hatte in unserer Musikschule Saxophon gelernt und ragte bald unter den Schülern heraus. Wie rasch ihre Finger über die Klappen glitten, wie schnell sie die schwierigen Roma-Melodien auswendig spielen konnte! Sie brachte alle zum Staunen. In der besten Gruppe, der Schatra Elijah, spielte sie und durfte oft mit nach Österreich fahren. Einmal hörte sie ein Musiker, der Kontakt zu Keith Jarrett hat. Er meinte, sie habe das Zeug, einmal mit den besten Jazz-Musikern zu spielen, und notierte sich ihren Namen.

Im Sommer schrieben sich alle Musikschüler für das neue Schuljahr ein. Gabi blieb verschwunden. Am nächsten Tag erschien sie missmutig und knallte den Saxophonkoffer auf den Tisch. „Ich komme nicht mehr.“ – Wie bitte?! „Ist das dein Dank für fünf Jahre Unterricht? Siehst du nicht die Chancen, die du in unserer Schule hast?“ Ich war erschüttert. Aber dann dachte ich an die schönen Zeiten, in denen wir gemeinsam musiziert, gelernt, Konzerte gegeben hatten. Als sie uns mit ihrer Begabung beschenkte. Wie sie andere mitzog, auch ihre schwierige Schwester. An den Tag, als die Mutter sie in Eile zu uns brachte. „Mein Mann und ich fahren heute nach Deutschland zur Erdbeerernte, wir brauchen Geld. Kann Gabi bei euch bleiben?“ Und als dann das kleine Mädchen mit uns den Sommer verbrachte, als gehöre sie schon immer zu uns. So wuchsen wir zu einer Familie zusammen. Und jetzt kündigte sie mir die Freundschaft! Keine gemeinsamen Abenteuer in der Musik mehr? Sie stürzte mich in eine dunkle Stimmung. Nur die Erinnerungen an die hellen Zeiten halfen mir, ihr in Liebe zu begegnen.

Ich fragte, welche Pläne sie habe. Sie werde jetzt in das Musikgymnasium gehen, in der Stadt, aber in unser Dorf komme sie nicht mehr. Nicht zu Proben, auch nicht zu Konzertreisen nach Österreich. Ich nahm ihre Entscheidung an. Und hoffe auf den Tag, an dem sie wieder mit uns musizieren will. Als Studentin, die unsere Jungen unterrichten wird. Vielleicht als berühmte Saxophonistin, die mit Keith Jarrett ein Benefizkonzert gibt.

Licht und Finsternis habe ich mit dem begabten Mädchen erlebt. Beide gehören zum Tag, wie ihn Gott geschaffen hat, den „einen Tag“, wie es im Hebräischen heißt. Es ist also der Tag des Einen, gleichsam ein Modell. Bemerkenswert ist, dass Gott zuerst das Licht nennt und dass der Tag beginnt, noch bevor es dunkel wird. Denn das Licht brauchen wir für die kommende Nacht; so erklären die Rabbiner, warum der neue Tag nicht um Mitternacht und nicht mit dem Morgen, sondern schon am Vorabend beginnt. Es ist, als würde Tageslicht unsere Solarzellen aufladen, die uns durch die Nacht leuchten. Der Dank, der mich an das Gute erinnerte, ließ mich den Abschied von Gabi verkraften.

Welches Licht nehme ich in die Nacht mit? Mit welchen Gedanken schlafe ich ein?