Der Mensch und die Arbeit

Ruth Zenkert

Was hast du dir erkämpft? Wo bist du unter großen Mühen zu einem Ergebnis gekommen? Was hast du dir selbst erarbeitet?

Im Schweiße deines Angesichts wirst du dein Brot essen, bis du zum Erdboden zurückkehrst.
Gen 3,19a

Wie ein wildes Tier war Victor aufgewachsen. Der Vater war eines Tages verschwunden, wenig später ging die Mutter nach Spanien, um einen Sommer lang bei der Erdbeerernte mitzuarbeiten, wie sie sagte. Sie kam nie mehr zurück. Stattdessen reiste auch die Großmutter, die für Victor sorgen sollte, nach Spanien. Victor blieb da und richtete sich in der Scheune eine Behausung ein. Er war damals zwölf Jahre alt. Keiner kümmerte sich um ihn, auch nicht darum, ob er in die Schule ging.
Wir fragten Victor, ob er nicht bei uns leben wolle. Hier habe er alles, was er brauche: regelmäßiges Essen, ein warmes Zimmer, eine Dusche, Kleider und Schuhe, Gemeinschaft. Doch er lehnte ab und wollte in seiner eigenen Hütte bleiben. Immerhin, am Tag kam er in die Musikschule und ins Sozialzentrum. Hier lernte er lesen und rechnen, spielte Akkordeon, und bald begann er in der Lehrtischlerei. Am Beginn fehlte er oft, der Tischlermeister musste ihn aus seiner Hütte holen, weil er noch schlief. Da die Großmutter nicht zurückgekommen war, zog Victor in ihr Haus ein, zwei Zimmer, die von einem Ofen geheizt wurden. Er reparierte die Fenster und den Türstock, in unserer Werkstatt fertigte er ein Bett und Stühle an. Victor lernte schnell und wurde der beste Tischlerlehrling. Heute ist er angestellt und vertritt in der Werkstatt oft den Meister, wenn dieser auf Montage ist.
Eines Tages kam die Großmutter zurück. Sie staunte, was aus ihrer verfallenen Hütte geworden war. Victor wollte sofort wieder in seine Scheune umsiedeln, aus Respekt vor der alten Frau. Doch sie ließ das nicht zu. Seither wohnen beide in dem Haus.
Heute begegnete ich Victor, der sein Fahrrad schob, mit einem schweren weißen Sack auf dem Gepäckträger. Er kam gerade von der Arbeit. „Was schleppst du mit dir?“, wollte ich wissen. „Ich habe Mehl geholt, damit meine Oma Brot backen kann, und Krapfen!“, rief er mir mit leuchtenden Augen zu. Ein stolzer junger Mann, weil er sich alles selbst erkämpft und erarbeitet hat, dachte ich im Weitergehen.

Victor erscheint mir wie einer, der nach einer langen Tour den Gipfel erreicht hat. Von seiner Nase tropft noch der Schweiß, glücklich schaut er ins weite Tal. Ganz anders als die Touristen, die mit dem Lift hinaufgefahren sind. Jetzt erwies es sich als Segen, dass Victor unser Angebot, alles geschenkt zu bekommen, abgelehnt hatte. Er wollte sein Haus selbst bauen.
„Im Schweiße deines Angesichts wirst du dein Brot essen, bis du zum Erdboden zurückkehrst.“ Das klingt wie eine göttliche Strafe, zeigt aber vielmehr die Grundkonstitution, die Gott dem Menschen gegeben hat. Der eigene Einsatz ist notwendig, die Arbeit ist ein Segen für den eigenen Fortschritt. Es ist ein Glück, in der Arbeit Erfüllung zu finden und selbständig den Lebensunterhalt zu verdienen. Das macht stolz und gibt das Gefühl der Freiheit.

Was hast du dir erkämpft? Wo bist du unter großen Mühen zu einem Ergebnis gekommen? Was hast du dir selbst erarbeitet?