Der lange Weg in die Öffentlichkeit

Georg Sporschill SJ

Mit wem ist mir eine Beziehung geschenkt, in der ich über alles reden kann? Worüber will ich nicht sprechen? Wann hat sich mir jemand anvertraut?

Da sagten seine Jünger: Jetzt redest du offen und sprichst nicht mehr in Gleichnissen.
Joh 16,29

Nachtruhe. Die Kinder lagen im Bett. Als wir kurz darauf nachsahen, ob alle schliefen, war der kleine Fabian verschwunden. Wir fanden ihn im Bad, wo er mit einer Wurzelbürste heftig an seinem Arm herumrieb. „Ich möchte keine dunkle Haut haben!“, schluchzte er. Wir cremten die aufgeschürfte Haut dick ein.

Jahre später gab es in der Schule in der Nähe unseres Kinderhauses ein Jubiläumsfest. Wir waren eingeladen, unsere Organisation vorzustellen, weil viele unserer Kinder in diese Schule gingen. Abends kam Fabian zur Erzieherin, zitternd und blass: „Bitte, bitte, sagt morgen nicht, dass ihr mich kennt!“ Dann gestand er, dass er keinem in der Schule gesagt hatte, dass er im Kinderhaus wohnte. Allen Freunden hatte er von einer Phantasiefamilie erzählt. Da verstand ich, warum er nie einen Schulkameraden mitgebracht hatte.

Fabian wollte „normal“ sein. Wenn wir fragten, ob seine Eltern Romanes sprachen, zu welcher Familie sie gehörten, wehrte er ab: „Ich bin Rumäne.“ Doch das Versteckspiel zermürbte ihn. Er fand keine Arbeit, begann ein Studium, nichts wollte ihm gelingen. Inzwischen aber hat Fabian sein Studium abgeschlossen und arbeitet – in einem Roma-Zentrum in Wien unterstützt er Kinder bei den Hausaufgaben, er singt Roma-Lieder in einer Band und kämpft für seine braunen Brüder und Schwestern. Zuletzt nahm er an einer Jugend-Konferenz gegen Antiziganismus teil: „Putren le jakha“ – öffne deine Augen! Er selbst hat die Augen geöffnet und kann offen über sich reden. Mit fester Stimme sagt Fabian in der Diskussion: „Ich bin Rom. Ich bin stolz darauf.“

„Jetzt redest du offen“, sagen die Schüler zu Jesus. Eine Beziehung ist gewachsen, in der sie einander immer mehr verstanden. Nun kann Jesus ihnen anvertrauen, wer er ist und was ihn erwartet. In „homöopathischen Dosen“, durch Gleichnisse, hat er sie darauf vorbereitet, dass er der Messias sei. Zu Beginn seines Wirkens befahl er den Kranken, wenn er sie heilte, niemandem zu sagen, wer er sei. Er wollte noch nicht in die Öffentlichkeit. Selbst seine Schüler hätten sein Ziel, eine neue Religionsgemeinschaft zu gründen, nicht mittragen können. Nun aber ist der Zeitpunkt gekommen, in dem sie sagen: „Jetzt redest du offen und sprichst nicht mehr in Gleichnissen.“ Jesus geht seinen Weg zu Ende, die Schüler übernehmen die Verantwortung und setzen sein Werk fort.

Es gilt, den richtigen Zeitpunkt abzuwarten, ja zu erarbeiten, bis man ganz offen reden kann. Es braucht lange, bis eine Beziehung so weit gewachsen ist, dass ich mich dem anderen ganz zumuten kann. Das macht stark. Jesus konnte sein Werk vollenden, und Fabian wurde zu einem Anwalt seiner Brüder und Schwestern.

Mit wem ist mir eine Beziehung geschenkt, in der ich über alles reden kann? Worüber will ich nicht sprechen? Wann hat sich mir jemand anvertraut?