Der König der Wegelagerer

Ruth Zenkert

Wo bricht für mich eine Quelle hervor? Wer gibt mir Kraft, mit der ich in den Alltag, in die Arbeit gehen kann?

Der Name des zweiten Stromes ist Gihon; er ist es, der das ganze Land Kusch umfließt.
Gen 2,13

Die Listen wurden immer länger. Ich hatte den Eindruck, dass wir in Problemen versanken. Auf der Baustelle tauchten täglich neue Fragen auf: Feuerschutz, Statik, Trockenlegung im Keller, Genehmigungen, gestohlenes Baumaterial. Mir brummte der Kopf. Es gab viele Sitzungen. Schritt für Schritt kamen wir weiter. Langsam verwandelte sich die ewige Ruine in ein Haus mit Boden, Fenstern, Türen. Ein Kinderhaus.

Meinen Alltag durchbrach Moise, mein alter Freund aus Bukarest. Seit Monaten war kein Tag vergangen, an dem er mich nicht zehnmal angerufen hatte. Oft konnte ich nicht antworten, weil ich zu tun hatte. Er ist anhänglich seit bald dreißig Jahren. Als Neunjähriger war er mir am Bahnhof wie der Räuberhauptmann einer Bande aus Straßenkindern entgegengetreten. Als ich in Siebenbürgen mit dem neuen Projekt begann, kam Moise und gab Trommelunterricht. Eines Tages war er wieder verschwunden. Jetzt nahte sein Geburtstag und er wollte kommen, um zu feiern. Und dann stand er da, mit vier prallen Taschen. Kekse und Cola für das Fest, Geschenke, die er irgendwo erhascht hatte, Fotos, Briefe mit Grüßen von Straßenkindern. Moise erzählte von seinen Abenteuern auf der Straße, von Schwierigkeiten mit der Polizei, wie er – natürlich völlig unschuldig – verhaftet worden und in Untersuchungshaft gekommen war. Alles hatte er verloren, mit Nichts wurde er wieder vor die Tür gestellt. Er schlug sich durch als Zeitungsverkäufer, Nachtwächter, Abwäscher. Nirgends hielt es lange, aber von jedem Arbeitsplatz hatte er eine lustige Geschichte zu erzählen. Wie konnte ein Mensch so viel aushalten, immer wieder am Abgrund stehen und doch so voll Lebensfreude sein? Ich weiß, dass Moise auch jetzt nicht lange bei uns bleiben wird, weil es ihn wieder weiterzieht. Umso mehr genieße ich die Stunden mit ihm. Seine Freundschaft, seine verrückten Erlebnisse, seine Kraft, mit der er die ganze Gemeinschaft belebt. Durch ihn berühren mich die Kinder der Straße. Dann fällt es mir wieder leicht, die Baustellen voranzubringen. Dort werden bald Kinder lernen und spielen. Vielleicht wird Moise mit ihnen einen Trommelkurs machen.

Die Freundschaft mit Moise ist für mich eine Quelle – von Genuss und Ideen. Diese Kraft fließt hinein in meine Arbeit. Wenn ich in der Musikschule bin, dann höre ich plötzlich mehr die Freude der Trommler und ärgere mich weniger über die undisziplinierten Kinder.

Wo sind meine Quellen? Wo brechen Kräfte in mir auf? Dafür steht das biblische Bild vom Strom Gihon in Jerusalem. Der Name heißt wörtlich übersetzt: hervorbrechen, sprudeln. Das Wasser tränkt den Garten Eden und fließt über in das ganze Land Kusch, damals das ferne Afrika. Heute fließen neue Ideen in unsere Gemeinschaft, die für mich wie der Garten Eden ist. Und darüber hinaus in unser Dorf mit den vielen Menschen, die anders sind als wir. Ihre Not ist groß. Tiefe Quellen braucht es, die überallhin Hilfe bringen.

Wo bricht für mich eine Quelle hervor? Wer gibt mir Kraft, mit der ich in den Alltag, in die Arbeit gehen kann?