Der Icebreaker

Max Heine-Geldern SJ

Wenn einem die Beweislast genommen wird.  

„Gott sprach zu ihnen: Füllt die Erde und unterwerft sie euch und herrscht über die Fische des Meeres, über die Vögel des Himmels und über alle Tiere, die auf der Erde kriechen.“

Gen 1,28b

Es roch nach Klebstoff, Sägespänen und Kaffee. Hektik lag in der Luft. Das Modell nahm beinahe den ganzen Raum der Werkstatt ein. Achtsamkeit war gefordert, denn kein Fehler durfte passieren. In knapp vier Stunden war Abgabe. Das Team funktionierte, obwohl es die letzten Tage ohne Unterbrechung gearbeitet hatte. Der Architekturwettbewerb für die Umgestaltung der Exhibition Road in London konnte zum Sprungbrett für Thomas Heatherwick werden. Er konkurrierte mit Architekturgrößen wie Zaha Hadid und Norman Foster.

Thomas war gerade 33 Jahre alt. Zehn Jahre zuvor hatte er sein Studio gegründet. Eine Oase des Schöpferischen, die einen staunen ließ. Modelle von Handtaschen bis zu Hochhäusern füllten neben Skulpturen und Pläne jeden Winkel. Sie wurden in der hauseigenen Werkstatt entwickelt. Gut sechs Mitarbeiter aus den verschiedensten Fachbereichen wirkten zusammen. Am runden Tisch in der Mitte floss die gesamte Kreativität zusammen.

Vor drei Wochen hatte ich bei ihm zu arbeiten begonnen. Nun sollte ich den „glass dome“ in das Modell einsetzen. Es war das Herzstück des Entwurfs, eine feine gläserne Vase, ein Unikat. Ihre zugleich konvexe und konkave Gestalt machte die Formung der Halterung zu einer Millimeterarbeit. Sie wollte nicht passen! Thomas merkte mein Ringen, bot sich an zu übernehmen, doch ich wollte mich beweisen. Langsam führte ich die Vase in die Form, übte Druck aus. Ein schrilles Klirren durchschnitt das Treiben. Stille. Hatten sie es gehört? Wie groß war der Sprung? Mein Chef übernahm gekonnt, ohne Hektik. Wenige Minuten später vertraute er mir eine neue Aufgabe an.

Gott überträgt dem Menschen große Verantwortung. Er soll sich die Erde untertan machen, das heißt sie besiedeln, indem er über sie herrscht. Sie ist ihm zur Entfaltung gegeben worden. Dafür muss er sie nicht an sich reißen, sondern sie achten wie Gott, dessen Mitarbeiter er ist. Insofern verleiht der Schöpfungshymnus der Form des Herrschens einen klaren Charakter. Denn der Mensch soll dies im Geiste Gottes verwirklichen, der alles Geschaffene als sehr gut beurteilt. Entscheidend ist dabei, dass er sich selbst ebenso unter diesem achtenden Blick Gottes sieht. Dieser schenkt die Freiheit, sich nicht ängstlich beweisen zu müssen, sondern kreativ mit dem umzugehen, was da ist.

Die Reaktion von Thomas war alles andere als herrschsüchtig. Vielmehr brachte er mir in der Situation meines Scheiterns viel Achtung entgegen und verwandelte so das gesprungene Glas zu einem Icebreaker. Ich musste mich nicht mehr vor ihm beweisen, sondern konnte mich frei in seinem Studio einbringen und bei der Entfaltung der Projekte mitwirken.

Vor knapp zwei Jahren saß ich wieder mit Thomas am runden Tisch. Um uns schwirrten im neuen Studio mehr als 200 Mitarbeiter und ließen ihrem kreativen Geist freien Lauf.