Der Herausforderung in die Augen schauen

Ruth Zenkert

Wer übernimmt Führung? Wer ergreift das Wort? Wo stellt sich jemand Problemen, um andere zu entlasten?

 

Wenn ihr mich sucht, dann lasst diese gehen!

Joh 18,8

 

Vierundvierzig Jahre lang lebte meine behinderte Schwester Carolin mit unseren Eltern. Sie ging in eine Sonderschule und arbeitet nun in einer geschützten Werkstätte. Waren meine Eltern am Anfang in großer Sorge, so entwickelte sich bald ein wunderbares Miteinander. Vor allem, nachdem alle Geschwister aus dem Haus waren, brachte Carolin ihnen junge Energie. Down-Syndrom lautet der Name für ihre Beeinträchtigung. Sie lebt rein aus Gefühlen, das Rechnen und raffinierte Strategien liegen ihr nicht. Sie schenkt unglaublich viel Liebe, braucht diese aber auch. Für meine Mutter blieb sie das „Ninele“, für das sie alles erledigte: die Morgenwäsche, das Pausenbrot, Schuhe zubinden. Oft kritisierten wir, dass Carolin viel selbständiger sein könnte. Sie ließ sich bedienen, half aber mit, wo die Eltern sich im Alter schwer taten. Freitagabends war zuhause „Mitternachtsparty“. Zu dritt tranken sie eine Miniflasche Sekt und Carolin tanzte. Den Tag beschlossen sie mit einem Abendgebet, dem Psalm vom Guten Hirten, dann nannten sie alle Namen in und um die Familie, denen sie Gottes Schutz wünschten. Es gab allerdings auch Konflikte. Wenn Carolin etwas wollte, taten das die Eltern oft ab mit „Das brauchst du jetzt nicht“. Sie musste sich fügen – und warten, bis wir zuhause waren, dann war „alles erlaubt“. Wenn ich kam, legte sie ihre Wunschliste vor: Eis essen, Liebesfilm ansehen, Ausfahrt im Auto mit lauter Musik.

Unsere Eltern sind jetzt im hohen Alter. Carolin bemerkte die Veränderung. Beim immer länger werdenden Mittagsschlaf berührte sie die beiden: „Ich wollte nur schauen, ob ihr noch lebt.“ Die Angst, wie das einmal werden würde, bedrängte uns mehr und mehr. Der Tod war für Carolin ein Thema, über das sie täglich redete. Als im Wohnheim der Werkstätte ein Platz frei wurde, fragte der Leiter, ob Carolin nicht kommen wolle. Das Vorstellungsgespräch bestritt sie selbst: „Mir geht’s sehr gut daheim, aber die Eltern sind jetzt alt, und sie müssen sterben. Ich werde bei euch einziehen.“ Wie sie vorher immer vom Tod geredet hatte, war jetzt die Wohngemeinschaft ihr Thema: Was nehme ich mit, wie wird das Frühstück, wer verbindet mein wehes Knie? Eines Abends verkündete sie: „Ich werde das Abendgebet heute allein in meinem Zimmer beten. Das muss ich jetzt üben.“ Mit Schrecken zählte meine Mutter die weniger werdenden Tage bis zum Auszug. Würde Carolin den Mut verlieren? Doch nein, stolz zeigte sie uns ihr neues Zimmer und spielte ein Lied auf dem Keyboard, das wir ihr geschenkt hatten. Beim Abschied fragten wir, wie oft sie nach Hause kommen würde. Begeistert von der jungen Hausgesellschaft bestimmte sie: „Am Geburtstag von Mama und an Weihnachten. Alt ist alt.“

 

Der Mut meiner Schwester lässt mich an den Augenblick denken, an dem Jesus den Garten Gethsemane verlässt und sich seinen Gegnern stellt. Meine Schwester, die vierundvierzig Jahre lang von den Eltern behütet wurde, hat den Schutz verlassen, um die Eltern im Alter zu schützen. Sie ist in die Selbständigkeit getreten, um die anderen zu entlasten.