Der Griff ins Leere

Max Heine-Geldern SJ

Neues irritiert. Vor allem wenn selbst der Rückgriff auf Bewährtes nichts bringt.

Aber in dieser Nacht fingen sie nichts.

Joh 21,3b

Wir standen an der Bar und genossen wie früher unsere Gin Tonics. Viele Jahre waren seit unserer gemeinsamen Studienzeit vergangen, jetzt hatten wir uns bei der Hochzeit einer guten Freundin wiedergetroffen. Patrick war inzwischen erfolgreicher Unternehmer. Sein analytisches Talent und seine schnelle Entscheidungsfähigkeit, gepaart mit einer guten Portion Chuzpe, verhalfen ihm zu einer steilen Karriere. Die Summen, mit denen er täglich jonglierte, ließen mir die Ohren schlackern. Aber noch mehr sein ungeschminkter Hochmut. Wie fremd erschien er mir, als er über seine Mitarbeiter sprach. Ein Macher stand vor mir, der alles im Griff hatte und die anderen wie Marionetten führte. Irgendwann riss mir der Geduldsfaden. Aber meine scharfen Worte prallten an seinem Ego ab.

Monate später steckte Patrick in einer tiefen Krise. Für die Aussicht auf noch mehr Profit hatte er seine Firma verlassen und das Unternehmen gewechselt. Doch dieser Deal hatte nicht gehalten, was er versprochen hatte. Gleichzeitig ging seine langjährige Beziehung in die Brüche. Nun klang seine Stimme unsicher, voller Ärger über seine Fehlentscheidung. In seiner Orientierungslosigkeit suchte er Sicherheit im Glauben. Für ein paar Tage zog er sich in ein Kloster zurück, sprach mit Geistlichen und verschlang fromme Bücher. Analytisch nahm er seine Situation auseinander und kritisierte sich rücksichtslos. Er wollte alles anders machen. Aber er brauchte einen Job, etwas, wo er sich wieder spüren konnte. Trotz seines psychischen Zustands erkämpfte er sich mit beeindruckender Disziplin drei Angebote. Schließlich traf er eine Wahl. Zurück im Geschäft, kam auch der Erfolg wieder. Doch von Lebensfreude war keine Spur. Eine erdrückende Leere machte sich breit. Dabei hatte er doch so auf Gott vertraut.

Ähnlich wie Patrick sind die Jünger in ihr früheres Leben zurückgekehrt. Die jüngsten Erfahrungen von Tod und Auferstehung ihres Freundes haben Orientierungslosigkeit hinterlassen. Was sollen sie jetzt tun? Enttäuschung schimmert durch die Worte des Evangelisten: Sie kehrten in ihre früheren Berufe zurück, ergriffen Altbewährtes. In ihrem Können suchten sie Sicherheit und fischten in bekannten Gewässern. Doch diese Wiederholung ging nicht auf. Sie blickten ins Leere. Welche Dramatik! Auf einmal scheint nicht mehr das Kreuz die größte Herausforderung für die Botschaft Jesu, sondern die Angst der Jünger, ihre Netze loszulassen.

Patrick ist weiterhin ein erfolgreicher Unternehmer, seine Lebensfreude aber ist auch nach Monaten noch nicht zurückgekehrt. Seine innere Leere nimmt er ernst. Sie erinnert ihn daran, dass er seiner neuen Situation noch nicht gerecht geworden ist. Es ist noch ein Weg zu gehen. Wohin ihn dieser führen wird, ist ihm unbekannt. Das Spiel mit Marionetten hat er aufgegeben. Ob ihn diese Ungewissheit nicht verrückt mache? Nein, er sei selbst überrascht, aber er spüre eine tiefe Gelassenheit. Auch sein Gebet habe sich verändert, wie auch seine Stimme. Sie klingt weder hochmütig noch wehmütig. Vielmehr verbreitet er eine gereifte Hoffnung, ohne träumerisch zu wirken. Er wartet geduldig auf den Morgen.